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Petition Unterstützte Kommunikation: Eine Stimme für Menschen ohne Lautsprache

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Kommunikation spielt in unserer Lebenswelt eine grosse Rolle: etwas benennen, Anliegen und Wünsche formulieren, sich mit seinem Gegenüber austauschen, Spass machen und schimpfen usw. Als Kompetenz ist sie grundlegend für die Teilhabe in der Gesellschaft, ermöglicht Selbstbestimmung und sorgt damit in hohem Masse für Lebensqualität. Dies sind zentrale Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK).

In der Regel läuft Kommunikation über gesprochene Sprache. Diese ist jedoch nicht für alle in gleichem Masse möglich. Insbesondere gilt dies für Personen nach einem Unfall oder einer Erkrankung, bei der die Sprechfähigkeit betroffen ist. Aber auch für Menschen mit einer kognitiven und/oder motorischen Beeinträchtigung kann dies zutreffen. Während erstere unter Umständen eine bereits erworbene Fähigkeit in der Rehabilitation wieder neu erlernen, müssen zweitere Kommunikation überhaupt erstmals grundlegend erlernen. Damit dies gelingt, braucht es zur Lautsprache ergänzende oder ersetzende Kommunikationsmöglichkeiten, die sogenannte Unterstützte Kommunikation (UK).

Blickpunkt Heilpädagogische Früherziehung

Von der Interaktion zur sprachlichen Kommunikation: Kommunikation erweitert die Handlungsmöglichkeiten um die sprachliche Ebene und macht sie dadurch effizienter. Statt bloss zu schreien oder zu zeigen, können Wünsche eindeutiger geäussert werden. Dadurch erlebt sich das Kind zunehmend unabhängiger und selbstwirksamer. Dies trägt zum Wohlbefinden bei und kann Verhaltensschwierigkeiten vorbeugen. Interaktion wird als etwas Schönes erlebt (gerade im Autismus-Spektrum), Bedürfnisse können geäussert werden. Dies hilft mit, die Umwelt zu verstehen und von ihr überhaupt lernen zu können. Und da im frühen Kindesalter die Motivation noch sehr hoch ist, können Eltern und Umfeld dafür gewonnen werden, dem Kind ein sprachliches Modell zu sein – also durch ein den Bedürfnissen des Kindes angepasstes Kommunizieren: Lautsprache ergänzt mit UK.  

Unterstützte Kommunikation und assistive Technologien

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UK ist ein relativ junges Fachgebiet, das in der Schweiz seit 30 Jahren bekannt ist. Es geht davon aus, dass jeder Mensch ein Bedürfnis nach Kontakt und Kommunikation sowie das Recht auf Selbstbestimmung hat. UK beschreibt daher verschiedene Methoden, die Kommunikation ermöglichen, wenn Menschen nicht oder nur ungenügend über gesprochene Sprache verfügen.

  • Körpereigene Kommunikationsformen, wie Blick- und Zeigebewegungen, Mimik, Körperbewegungen, Gebärden, Fingeralphabete.
  • Nicht-elektronische Hilfsmittel wie Fotos, Bild-Karten, Thementafeln und Ordner/Bücher mit Piktogramm-Sprachen.
  • Assistive Technologien (AT): elektronische Hilfsmittel, die zur Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung der lautsprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten eines Menschen führen und Funktionseinschränkungen ausgleichen helfen. Solche Technologien sind sprechende Tasten, Augensteuerungen, Sprachausgabegeräte, schrift-sprachbasierte Kommunikationshilfen oder auch Tablets.

Unter Einbezug der Betroffenen werden den jeweiligen Bedürfnissen angepasste Methoden und Hilfsmittel gewählt. Da sich Kommunikation aber weiterentwickelt, müssen diese immer wieder geprüft und dem aktuellen Bedarf angepasst werden. Ziel dabei ist, Lebensqualität und Selbstbestimmung durch Barrierefreiheit zu ermöglichen.

Blickpunkt Schule

Kommunikationskompetenz ist grundlegend für die Teilnahme am Schulunterricht und der Integration in eine Gruppe. UK fördert somit den Zugang zum Schulstoff, das Verstehen und Lernen. Aber auch auf der sozialen Ebene hilft es mit, Freundschaften zu schliessen und dank sprachlicher Kompetenz diese später auch aufrecht zu erhalten. Wie alle Kinder sind auch «UK-ler*innen» weiterhin auf sprachliche Förderung angewiesen, um ihren Wortschatz und ihre kommunikativen Kompetenzen zu erweitern. Die besondere Herausforderung liegt jedoch darin, die individuellen Kommunikationsformen zu berücksichtigen, bei denen ein enger Austausch mit den Eltern von Nutzen sein kann. Es ist ein Mix aus Mimik, Gebärden, Lautsprache und (Bild-)Symbolen. Dokumentiert, z. B. in einem Kommunikationsbuch, sind sie hilfreich für das Verstehen des Kindes. Noch wichtiger aber ist das sprachliche Lernen am Modell: Kinder brauchen sprachliche Vorbilder! Das heisst, dass auch ihr schulisches Umfeld mit Lautsprache unterstützt mit UK kommuniziert. Anregend dabei sind auch Klassenkameraden, die auf gleicher Ebene kommunizieren.

Bedingungen für ein Gelingen von UK

Allgemein ist der Zugang zu UK noch ungenügend gewährleistet. Eine besondere Herausforderung sind die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen auf medizinischer und pädagogischer Ebene. Sie führen dazu, dass Kommunikationskompetenz in den Hintergrund geraten kann. Auch ist UK kein Pflichtfach in der Ausbildung von Fachpersonen. Ebenso sind Institutionen nicht dazu verpflichtet, UK anzubieten bzw. zu unterstützen. Ein weiteres Problem ist die Finanzierung. Die Sozialversicherung übernimmt zwar die Gerätekosten, nicht jedoch das Training. Diese vielfältigen Hürden sorgen dafür, dass der Zugang zu UK allzu oft von Glück und Zufall abhängig ist.

Petition «Kommunikation für alle»

Um dem Recht auf Zugang zu UK Nachdruck zu verschaffen, hat die Gruppe «Geballte Power für Unterstützte Kommunikation» in diesem Frühjahr eine Petition lanciert. In dieser Gruppe haben sich Eltern, Fachleute, Netzwerke, Ausbildende und Hilfsmittelanbieter, zuerst aus der deutschen Schweiz und zunehmend gesamtschweizerisch, zusammengefunden. Anliegen der Petition ist, dass UK auf kantonaler wie auch auf Bundesebene fest verankert wird.

Blickpunkt Erwachsene: Wohnen und Arbeiten

Typische Themen im Erwachsenenalter sind Selbstbestimmung, individuelle Lebensqualität, Teilhabe an der Gesellschaft, Freizeitgestaltung und auch die Partnersuche. Auch hierbei ist Kommunikationskompetenz unumgänglich. Passend zur heutigen Anforderung des lebenslangen Lernens, brauchen Menschen mit besonderen Bedürfnissen über die Schulzeit hinaus Unterstützung bei der Nutzung und der Erweiterung ihrer kommunikativen Kompetenzen. Gelingt dies nicht oder geht das Umfeld zu wenig darauf ein, dann zeigt sich dies oft in für das Umfeld herausfordernden Verhaltensweisen oder einem Rückzug. Wichtig sind deshalb beim Übergang ins Erwachsenenleben Dokumentation der Kompetenzen und das Vermeiden von Kommunikationsabbrüchen, wie wenn z. B. das neue Umfeld die Sprache des UK-Nutzenden aus Unkenntnis nicht mehr versteht oder die Einbettung in eine bestehende Gruppenstruktur allzu sehr in den Vordergrund gerückt wird.

Checkliste

Damit Teilhabe und insbesondere UK gelingen kann, hat der Branchenverband der Dienstleister für Menschen mit Behinderung (INSOS) eine von den schweizerischen UK-Netzwerken erarbeitete Checkliste zum Download bereitgestellt. So lassen sich ausgewählte Qualitätsmerkmale zu UK in Organisationen einschätzen. Dies ergänzt bestehende Instrumente der Qualitätsentwicklung und zeigt auf, wie weit UK in ihrer Organisation bereits umgesetzt ist und wo es einen allfälligen Entwicklungsbedarf gibt.

Forderungen der Petition:

  • UK als fester Bestandteil von Ausbildungen
  • Leistungserbringende Projekte für eine nachhaltige Versorgung
  • Adäquate Bedarfserfassungsinstrumente
  • Leistungsfinanzierung, Case Management und effiziente Hilfsmittelversorgung

weitere Informationen zur Petition

 

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