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Forschungsprojekt StePLife: Das persönliche Leben von jungen Menschen im Heim

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Die Heimerziehung aus Sicht der Kinder und Jugendlichen zu denken, ist eine Forderung und eine Aufgabe, der sich viele Fachpersonen der Sozialen Arbeit verschrieben haben. Wir möchten mit unserem Projekt StePLife dazu einen Beitrag leisten. Diese Umkehr der Perspektive ist zentral: Es geht nicht darum zu prüfen, was die Heimerziehung für die Jugendlichen leistet. Von Interesse ist, wie es ihnen gelingt, den sozialen Ort Heim mit seinen Beziehungsangeboten im Zusammenspiel mit anderen Lebenskontexten zu nutzen, um Zugehörigkeit und Wohlbefinden zu erleben. Dieser Perspektivenwechsel zeigt, welche Bedeutung die Kinder und Jugendlichen dem Heim und den Personen beimessen. Das persönliche Leben als theoretischer Bezugspunkt ist dafür ein exzellenter Ansatzpunkt (Smart 2007). Im Rahmen der Längsschnittstudie StePLife wurden 573 Jugendliche aus 90 Einrichtungen befragt. Dazu liegen erste beschreibende Ergebnisse vor.

Das Konzept des persönlichen Lebens

Die Theorie des persönlichen Lebens wurde ursprünglich entwickelt, um die Vielfalt des familialen Zusammenlebens besser abbilden zu können (Smart 2007). Auch wenn das Heim keine Familie und kein Zuhause im engen Sinne darstellt, so ist es doch ein wichtiger Ort des Aufwachsens, an dem sich bedeutsame soziale Beziehungen entwickeln können und sollen. Wir nutzen das Konzept des persönlichen Lebens, um zu verstehen, wie sich das Heim und andere Lebensorte verbinden und welche Konsequenzen sich daraus für das Wohlbefinden der jungen Menschen im Heim ergeben.

Wie erhebt man aber so etwas Umfassendes wie das persönliche Leben? Dazu orientieren wir uns an zwei Dimensionen, die im Fachdiskurs eine zentrale Rolle spielen: Soziale Beziehungen und Wohnorte. Wir wissen aus qualitativen Studien, in denen die Kinder und Jugendlichen zu Wort kommen, dass diese beiden Dimensionen wichtig sind (Köngeter, Schröer, & Zeller, 2013; Meuth, 2018). Zugehörigkeit zu Menschen und Orten zu erleben, gilt als Grundbedürfnis, das auf stabile, überdauernde, positiv-affektive Interaktionen mit anderen und Orten angewiesen ist (Baumeister & Leary 1995: 497). Weiter gehen wir davon aus, dass gelebte und gefühlte Zugehörigkeit zu Menschen und Orten eine Bedingung dafür ist, dass Menschen sich wohl fühlen.

StePLife untersucht die Zugehörigkeit und das Wohlbefinden der Jugendlichen

Bisher stehen weder repräsentative Daten zur Verfügung, noch wissen wir etwas darüber, welche Rolle die Vielfalt sozialer Beziehungen und Wohnorte und deren Zusammenwirken spielen. Diesen Fragen gehen wir im Rahmen der quantitativen Längsschnittstudie «Stationäre Erziehungshilfen im persönlichen Leben» (StePLife) nach. Seit April 2021 arbeitet ein Team der Fachhochschule Nordwestschweiz, FHNW (Prof. Dr. Dorothee Schaffner, Projektleiterin, Lukas Fellmann und Jana Osswald) und der Ostschweizer Fachhochschule, OST (Prof. Dr. Stefan Köngeter, Projektleiter, Tobias Kindler, Thomas Schmid und Carole Zellner) an diesem Projekt. Wir haben einen Fragebogen erarbeitet, den Jugendliche in 30 Minuten beantworten können und der sich an wichtigen Messinstrumenten der Sozialwissenschaften orientiert. Die ersten Ergebnisse der ersten Erhebungswelle liegen nun vor.

mehr dazu unter StePLife

Teilnehmende Einrichtungen und Jugendliche

In der Zeit von Mai bis August 2022 haben wir insgesamt 573 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren in über 90 Einrichtungen aus 19 Kantonen befragt. Dabei wurden Kinder- und Jugendheime genauso mit einbezogen, wie Schulheime oder Heime mit angeschlossener Berufsbildung und Massnahmenzentren. Geplant sind zwei Wiederholungsbefragungen in den Jahren 2023 und 2024, um die Veränderungen im persönlichen Leben besser einschätzen zu können. Wichtig zu erfahren ist auch, was passiert, wenn die jungen Menschen das Heim wechseln, verlassen oder zu ihren Eltern, einem Elternteil oder anderen Personen ziehen.

Erste Ergebnisse und spannende Fragen zu den Netzwerken

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Die ersten Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild des persönlichen Lebens der jungen Menschen im Heim. Bis zu 13 wichtige Personen konnten die Kinder und Jugendlichen in unserem Fragebogen angeben. Durchschnittlich wurden 6.8 Personen genannt. Tabelle 1 zeigt, welche Personen eine wichtige Rolle spielen, welcher Art die Beziehungen sind und wie häufig diese in den Netzwerken auftauchen.

Die Zahlen verdeutlichen zunächst, wie bedeutsam die verwandtschaftlichen Beziehungen für junge Menschen trotz Heimaufenthalts bleiben. Dies mag nicht überraschen, zeigt aber einmal mehr, wie hochrelevant die Arbeit mit den verwandtschaftlichen Beziehungen für die Heimerziehung ist (Faltermeier, Knuth & Stork, 2022). Die Bedeutung dieser Beziehungen für das Wohlbefinden werden wir in weiteren Analysen vertiefen. Ausserdem wirft die Verteilung ein neues Licht auf die Relevanz von Freund*innen und Kolleg*innen. Zu untersuchen ist dabei vor allem noch, wo diese leben, wie häufig Kontakte stattfinden und wie sich diese Einbindung in ein Peer-Netzwerk auf das Wohlbefinden auswirkt. Wie bedeutsam diese Peers sind, zeigen bislang nur wenige Studien (Pinchover & Attar-Schwartz, 2018). Auch Fachpersonen im Heim zählen für 23.4 % der befragten Jugendlichen zu ihrem Netzwerk. Aber wie wirkt sich dies aus, wenn Fachpersonen im persönlichen Netzwerk auftauchen? Angesichts der hohen Bedeutung, die der Arbeitsbeziehung oder dem Arbeitsbündnis im Fachdiskurs beigemessen wird, ist dies eine sehr bedeutsame Fragestellung für vertiefende Analysen. Es wirft auch die Frage auf, ob und für wie viele Jugendliche das Heim tatsächlich der Ort ist, an dem sichere Bindungen entstehen können (Schleiffer, 2015).

Erste Ergebnisse und Fragen zum multilokalen Wohnen

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Eine neue Perspektive auf Heimerziehung eröffnet sich auch, wenn wir uns die Anzahl der Wohnorte vergegenwärtigen, die für die Jugendlichen eine Rolle spielen. In unserem Sample stellt das Heim für 16.9 % der Jugendlichen der einzige Wohnort dar. Fast die Hälfte hat einen weiteren Wohnort zur Verfügung: Häufig ist dies die Mutter (44% dieser 257 Jugendliche), der Vater (12%) oder beide Eltern (32%). Wenn wir also von einem ganzheitlichen Zugang in der Heimerziehung ausgehen, stellt sich die Frage, wie die Tatsache der Multilokalität konzeptionell in die pädagogische Gestaltung einbezogen werden kann. Und wie kommen die Jugendlichen mit dieser Multilokalität klar und wer und was unterstützt sie dabei? Das sind wichtige Analysefragen, denen wir im weiteren Projektverlauf nachgehen werden. Um hier aber die Leser*innen nicht mit einem Cliffhanger alleine zu lassen: Wir können aufgrund der Daten zumindest sagen, dass sich Multilokalität eher positiv auf das persönliche Leben dieser jungen Menschen auswirkt.

Nächste Schritte des Projektes sind die Etablierung eines Jugendbeirats, um die Ergebnisse gemeinsam mit Jugendlichen diskutieren zu können. Weiter planen wir eine vertiefende qualitative Befragung einzelner Jugendlicher. Wichtig ist auch die Kontaktpflege, denn im Mai 2023 steht die nächste Erhebungswelle an und es sind viele bereit wieder teilzunehmen.

Literatur

Baumeister, R. F. & Leary, M. R. (1995). The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529.

Faltermeier, J., Knuth, N. & Stork, R. (Hrsg.). (2022). Handbuch. Eltern in den Hilfen zur Erziehung. Weinheim: Beltz Juventa.

Köngeter, S., Schröer, W. & Zeller, M. (2013). Wann gelingt Heimerziehung? Pädagogisches Handeln in prekären Beziehungen. Forum Erziehungshilfen, 19(3), 180–185.

Meuth, M. (2018). Wohnen. Erziehungswissenschaftliche Erkundungen. Weinheim: Beltz Juventa.

Pinchover, S. & Attar-Schwartz, S. (2018). Is Someone There for You? Social Support of Youth in Educational Residential Care from Family, Peers and Staff. British Journal of Social Work, 48(8), 2195–2214. Doi:10.1093/bjsw/bcx164.

Schleiffer, R. (2015). Fremdplatzierung und Bindungstheorie. Weinheim: Beltz Juventa.

Smart, C. (2007). Personal Life. New directions in sociological thinking. Cambridge: Polity.