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AEMO Intensive - intensive, ambulante Erziehungshilfe in offenem Umfeld - Der Weg zu einer neuen Form sozialpädagogischer Intervention

von Philippe Eggertswyler, Directeur de la Fondation St-Germain et Bernadette Beney, Intervenante AEMO

Ein Kind von seiner Familie zu trennen, ist nicht immer eine angemessene Massnahme, wenn das Kind in seinem sozialen Umfeld, beziehungsweise in seiner Familie, einer Not- oder Mangelsituation gegenübersteht. Daher ist es für die Stiftung Saint-Germain wichtig, den Betroffenen eine Leistung anzubieten, welche Heranwachsenden ermöglicht, in ihrem gewohnten Umfeld zu verbleiben. Auf diese Weise wird allen Protagonisten des Familiensystems die Gelegenheit geboten, ihre Funktionsweise zu überdenken und anzupassen.

Auf Anregung betroffener Familien und Instanzen des Jugendschutzes bietet die Stiftung Saint-Germain seit ungefähr zwanzig Jahren ambulante Erziehungshilfe in offenem Umfeld an. Das Projekt orientiert sich nicht nur an den im Kanton Jura beobachteten Bedürfnissen, sondern insbesondere an den Platzierungserfahrungen des Instituts Saint-Germain.

Eine Fremdplatzierung ist unweigerlich mit einer Trennung verbunden. Es handelt sich hierbei um eines der Ziele, welche mit einer Platzierung erreicht werden sollen. Die Trennung bewirkt eine Veränderung oder stellt das Kind über einen gewissen Zeitraum hinweg unter eine geeignete Schutzmassnahme. Diese Zeitspanne ermöglicht es den Fachpersonen, bei den Heranwachsenden und deren Eltern Veränderungen auszulösen.
Dennoch handelt es sich bei einer Platzierung keineswegs um eine Patentlösung, die bei jeder Art von Problematik und in jeder familiären Situation gleichermassen zur Anwendung kommen kann. Es bestand folglich der Bedarf an einer Massnahme, welche weniger invasiv ist als eine Heimeinweisung. Es ging darum, eine Interventionsform zu finden, die rasche und regelmässige Hilfestellung gewährleistet, in der Dauer befristet ist, auf ambulanter Basis erfolgen kann und die je nach Wunsch am Wohnsitz der Familie, oder aber in unserer Institution vorgenommen werden kann. Wir beschränkten die Familienbegleitung auf eine Dauer von maximal zwei Jahren. Unserer Erfahrung nach stellt eine ambulante sozialpädagogische Begleitung von über zwei Jahren keine geeignete Massnahme dar.

Heute kann die sozialpädagogische Familienbegleitung auf eine Erfahrung von rund zwanzig Jahren zurückblicken. Das involvierte Fachpersonal verfügt über fundierte Erfahrung auf diesem Gebiet. Die sozialpädagogischen MitarbeiterInnen sehen sich jedoch bisweilen mit familiären Situationen konfrontiert, die klar erkennen lassen, dass diese Art der Erziehungshilfe, trotz Kontinuität, nicht ausreicht, um prägnant zu sein. Die Begleitung beschränkt sich auf ca. eine Wochenstunde und dieser Zeitrahmen reicht nicht aus, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen und anhaltende Veränderungen zu bewirken. Manche Familien benötigen mehr als eine ambulante sozialpädagogische Hilfestellung.

Sozialpädagogische Familienbegleitung - intensiviert

Da sich je nach Ausgangslage eine Separation der Familienmitglieder als unnötig erweist, ja sogar kontraproduktiv sein kann, wäre auch eine Platzierung unangebracht. Es wurde ersichtlich, dass in gewissen Fällen der Bedarf an einer dritten Form von Familienbegleitung besteht - weiterhin auf sozialpädagogischer Basis, jedoch intensiver. Eine Hilfestellung, die zu Hause, in vertrautem Umfeld erfolgt und zeitlich befristet ist. Die Dauer wird vorgängig vereinbart. Dieser innovative Ansatz stellt oftmals eine echte Alternative zur Fremdplatzierung dar und bietet den Vertretern des Jugendschutzes einen Mittelweg. Diese Art intensiver, aber dennoch ambulanter Familienbegleitung wird von SozialarbeiterInnen unserer Stiftung vorgenommen und erfolgt im Regelfall auf Antrag einer Jugendschutzbehörde, des Sozialamtes, oder der KESB.

Es ist zu unterstreichen, dass die familienbegleitenden Massnahmen, obwohl zeitlich begrenzt, von grosser Tragweite sind. In der Tat übernehmen die MitarbeiterInnen bei den Betroffenen eine wichtige Funktion. Sie begleiten die Familien jede Woche während mehrerer Stunden, was einen beachtlichen Eingriff in deren Privatsphäre darstellt und nur denkbar ist, wenn das Fachpersonal über eine Berechtigung und Legitimation verfügt. Das Mandat übernimmt diese Legitimationsfunktion. Bei einem Antrag durch die zuständigen Behörden handelt es sich um einen genau umrissenen Auftrag, mit den damit verbundenen Besonderheiten. In der Praxis obliegt es der sozialpädagogischen Fachperson, ein Vertrauensverhältnis zu schaffen, die gegenseitige Bindung zu verstärken, die Erziehungskompetenzen zu steigern und durch das verbesserte Zusammenwirken, dem Antrag der Behörden gerecht zu werden.

Unsere Institution ist in der Lage, auf ausdrücklichen Wunsch der Familie Intensivmassnahmen zu ergreifen. Da in diesem Fall das Einschreiten nicht von einer Drittbehörde verlangt wird, muss die Zusammenarbeit mit der Familie umso enger sein. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich die Familie durch die Eingriffe unter Druck gesetzt fühlt und mitten in einer heiklen Phase aufgibt. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass die Betroffenen, insbesondere die Kinder, in eine noch schwierigere Situation hineinmanövriert werden. Unsere Dienstleistung AEMO Intensive (intensive sozialpädagogische Familienbegleitung) ist als Alternative zur Fremdplatzierung und als Ergänzung zum bestehenden Anbot an ambulanten erzieherischen Hilfeleistungen gedacht.

Eine Massnahme zwischen Fremdplatzierung und ambulanter Familienbegleitung

Die Fremdplatzierung ist und bleibt ein schwerwiegender Eingriff. Ein Auseinanderreissen der Familie und eine Entwurzelung - nicht nur des Kindes, sondern auch dessen Familie - sind die unmittelbaren Folgen. Aus diesem Grund muss verhindert werden, dass ein Kind unter den obengenannten Umständen ungewollt zum Verstärker einer familiären Dysfunktion wird. Der erste Schritt im Fall einer Fremdplatzierung ist die Trennung. In den nachträglichen Erzählungen der Kinder darüber, werden deren erste Eindrücke ersichtlich; Schreie und Tränen drücken ihre Ängste und die symbolische sowie physische Gewalt aus, die im Zusammenhang mit der Platzierung erlebt wird. Selbst wenn die Heranwachsenden vorgängig auf eine Platzierung vorbereitet wurden, sind sie höchst empfänglich für die elterlichen Befürchtungen. Es handelt sich schliesslich nicht um ein Ferienlager, sondern um eine Fremdplatzierung (die mit der Befürchtung einhergeht, aus einer provisorischen Massnahme werde eine definitive Lösung). Sie wird vom Heranwachsenden unweigerlich als Hinweis auf den Ernst der Lage empfunden. Jede Platzierung stellt die Kompetenzen der Eltern in Frage, oder aber die Eltern befürchten, ihre Verantwortlichkeit werde in Zweifel gezogen, was dem Kind nicht verborgen bleibt. Sobald eine Platzierung angekündigt wird, erfährt das Bild, welches ein Kind sich von seinen Eltern und sich selbst macht, einen Wandel. Selbst wenn das Kind keinerlei Vorstellungen mit derartigen Massnahmen verbindet, ist sein familiäres Umfeld (Eltern, Geschwister) dafür empfänglich. Eine Fremdplatzierung wird häufig als massive Anschuldigung und in Fragestellung der elterlichen Befähigung empfunden und dies unabhängig davon, ob sie auf Wunsch der Eltern oder als Zwangsmassnahme erfolgt.

Die intensive ambulante Familienbegleitung ermöglicht den Beteiligten, diese Anschuldigungen zu umgehen. Sie bietet den Eltern die Möglichkeit, ihre elterlichen Kompetenzen zu erweitern, ihr Wissen zu verbessern, ihr Können zu verstärken und die Verbindung zwischen ihren Gefühlen und ihrem Verstand zu überdenken. Es gibt keine Schulen, in denen Eltern auf ihre Rolle vorbereitet werden. Im Normalfall heisst die Lernmethode „Learning-by-doing“ und manchmal stehen die Eltern zusätzlich unter Druck oder befinden sich in einer Krisensituation. Es handelt bei dieser Unterstützungsform ausserdem um eine Suche nach persönlichen und familiären Ressourcen, die neuerworben oder weiterentwickelt werden müssen, die vielleicht bis anhin zur Seite geschoben wurden oder vergessen gegangen sind. Aber auch der Einbezug des Umfelds ist wichtig: Eltern, Freunde, Strukturen wie Kinderkrippen, Aufgabenbetreuung, Psychologen und andere Spezialisten. Eltern sein bedeutet, gewisse Erziehungsaufgaben an andere zu delegieren, insbesondere wenn man erkennt, dass man an seine eigenen Grenzen stösst.

Wenn die Zusammenarbeit mit einer Familie nach der Intensiv-Phase, die sich über mehrere Monate erstreckt, die gewünschten Auswirkungen zeigt und in der darauf folgenden Zeit weniger Präsenz erforderlich ist, dann wird jedem Familienmitglied genügend Raum geboten, um vorwärts zu blicken und seinen Verpflichtungen nachzukommen. Ob es sich um die Pflichten der Eltern oder der Kinder handelt, die intensive ambulante Familienbegleitung ermöglicht es, ein Familiensystem zu verstehen, dessen Kompetenzen zu beurteilen und es positiv zu beeinflussen indem man sich auf die Kompetenzen aller Beteiligten abstützt.
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