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AEMO - Fondation Carrefour, sozialpädagogische Familienbegleitung im Kanton Neuenburg

von Bernard Marchand, Directeur Fondation Carrefour und Agathe Voirol

Seit 2013 ist Carrefour die einzige Stiftung des Kantons Neuenburg, die sich im Kanton der ambulanten sozialpädagogischen Familienbegleitung und der aufsuchenden Sozialarbeit widmet. Sie vereint zwei AEMO Fachgruppen (Action éducative en milieu ouvert/ambulante sozialpädagogische Familienbegleitung), die das gesamte Kantonsgebiet abdecken. Wir stellen das Projekt AEMO hier vor.

Bei der im Jahre 1965 ins Leben gerufenen Stiftung Carrefour handelt es sich um eine private Stiftung, die durch das Amt «Service de la Protection de l'Adulte et de la Jeunesse» (Kindes- und Erwachsenenschutz /KESB) sowie dem « Département de l'éducation et de la famille » (Departement für Erziehung und Familie) des Kantons Neuenburg subventioniert wird.

Die ambulante sozialpädagogische Arbeit (AEMO)

Die AEMO bietet Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre, die Schwierigkeiten mit ihren Eltern haben, sowie Eltern mit Erziehungsschwierigkeiten Unterstützung an. Die Begleitung soll die Familien darin unterstützen, ein Lebensumfeld zu schaffen, in welchem sich die Heranwachsenden entwickeln und selbstständig werden können. Seit ungefähr 4 Jahren bietet die Ambulante Sozialpädagogische Familienbegleitung (AEMO) im Kanton Neuenburg zudem Gruppengespräche/-Beratung an. Diese Angebote umfassen Diskussionsgruppen für Eltern, Jugendgruppen, Väter-Wochenenden, Erholungstage/Exkursionen etc. und ergänzen die individuelle Arbeit während der Familienbegleitung.

Leitlinien unserer sozialpädagogischen Familienbegleitung

Wenn eine Familie den Service AEMO zu Rate zieht, hat sie sich bereits eingestanden, dass sie sich in « Schwierigkeiten » befindet und Hilfe benötigt. Der Anstoss zu diesem ersten Schritt kann von einer Lehrkraft, dem Beauftragten eines Jugendamtes, dem Mitarbeiter einer Kinder-Krippe oder von einem bzw. mehreren Familienmitgliedern gegeben werden. Wenn eine Familie sich zu diesem Schritt bereit erklärt und ihre Vorgeschichte, ihre Hoffnungen, Überzeugungen und Zweifel offen darlegt, darf sie erwarten, von einer Fachperson verständnisvoll empfangen, angehört und unterstützt zu werden. Die Fachkräfte der ambulanten sozialpädagogischen Familienbegleitung AEMO berücksichtigen die Ausgangslage; analysieren, was die Hilfesuchenden charakterisiert, was sie durchlaufen und sich erhoffen. Sie bemühen sich um eine positive Grundhaltung und distanzieren sich von sozialen Stereotypen, um die Zusammenarbeit nicht zu belasten. Die Beziehung zu den Hilfesuchenden soll nicht vom ersten Eindruck geprägt sein, der sich ohnehin des Öfteren als falsch erweist. Aus diesem Grund legt die AEMO Wert auf einen respektvollen Empfang des Anderen, einen Empfang ohne Vorbehalte.

Wenn vom Respekt des Familiensystems und -modells in seinem Umfeld gesprochen wird, geht es darum, die verschiedenen Einflussfaktoren des Familienlebens zu berücksichtigen, ohne zu urteilen. Das familiäre Umfeld und die kulturellen Wechselwirkungen werden nicht gewertet, genauso wenig wie die prävalenten Beziehungsmuster. Es geht nicht darum, dass die Fachperson und die Familien die Familiengeschichte neu schreiben, sondern dass sie, unter Berücksichtigung der familiären Rahmenbedingungen, Veränderungen bewirken. Weder das Fachpersonal noch eine übergeordnete Instanz entscheiden, welche Personen an die AEMO verwiesen werden, selbst wenn in bestimmten Fällen zu einer Familienbegleitung geraten wird. Im Kanton Neuenburg, kommen die Familien mehrheitlich aus eigenem Antrieb zur Beratungsstelle und dies sobald sie sich dazu bereit fühlen. Die Familienbegleitung beginnt erst, wenn die Familie ihre Einwilligung gibt. Die freiwillige Einbindung der Betroffenen führt im Idealfall zu einer verstärkten Mitwirkung, zumindest solange die Familien in dieser Massnahme eine Möglichkeit sehen, die Situation zu verbessern. Die Fachleute der AEMO unterstützen und verstärken diese Bereitschaft, indem sie die vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen jedes Familienmitgliedes anerkennen und verstärken. Es geht darum, die Eigenverantwortlichkeit der Familienmitglieder zu stärken, damit jedes Familienmitglied seiner Rolle gerecht werden kann.

Zwar ist die sozialpädagogische Unterstützung für die Antragstellenden mit keinerlei Kosten verbunden, sie verlangt jedoch ein echtes Engagement. Der persönliche Einsatz geht über eine blosse Einbindung hinaus; die an der Beratung teilnehmenden Personen sind nicht nur Betroffene, sondern Protagonisten des Geschehens. Dies gilt nicht nur für die Familienmitglieder, sondern auch für die Sozialarbeiter, die sich zeitweilig in die Familiendynamik einmischen. Aus diesem Grund ist eine partnerschaftliches Verständnis zwischen der Familie und den Fachleuten der AEMO nicht nur notwendig, sondern unabdingbar. Nur so ist es möglich, ein Projekt in gemeinsam aufzubauen. Denn das Vorhaben muss einerseits auf die Bedürfnisse der Familie abgestimmt sein, andererseits jedoch die Mittel und Möglichkeiten der verantwortlichen Stelle berücksichtigen. Durch beiderseitiges Engagement und gegenseitiges Aufeinander-Eingehen, erreichen die Familien schrittweise jenen Grad an Vertrauen und Emanzipation, der zur Bewältigung ihrer Schwierigkeiten notwendig ist.

Die Arbeit der AEMO Spezialisten geht über eine reine Familienbegleitung hinaus, denn ihr Aufgabenkreis erweitert sich während der Vernetzung des primären und sekundären Umfelds der Familie. Es geht in erster Linie darum, Verbindungen zwischen jenen Personen und Dienststellen herzustellen, welche in weitestem Sinn in die familiäre Situation involviert sind. Dank einer professionellen und auf die Bedürfnisse der Familie abgestimmten Zusammenarbeit, werden die Bindungen und das Vertrauen zwischen diesem Netzwerk gefördert. Und die Akteure aus dem Netzwerk können als aussenstehende Ressourcen betrachtet werden, auf die sich die Familien abstützen kann. Da die Familien teilweise keinen Gesamtüberblick über das sie umgebende Netzwerk hat, ist es auch Aufgabe der Sozialarbeitenden, die Familie über die Funktion der verschiedenen Spezialisten zu informieren und sie zu unterstützen, sich in diesem Netzwerk zurechtzufinden und zu wissen, wer je nach Problem/Situation in der Lage ist weiterzuhelfen. So wird die Eigenverantwortung gefördert und der Aufbau oder die Wiederherstellung von Beziehungen ermöglicht. In gewissen Fällen wird auch die soziale Eingliederung der Familien erleichtert. Dabei steht für jeden AEMO-Mitarbeiter während der gesamten Dauer der Familienbegleitung das Kindesinteresse im Vordergrund und die Erziehungsberatung wird immer auf die Bedürfnisse und Entwicklungsstufen des Kindes abgestimmt.

Eine Hilfestellung, die auf Werten basiert

Die Stiftung Carrefour stützt sich bei der sozialpädagogischen Arbeit auf vier Grundsätzen ab. Diese sind aus der Kinderrechtskonvention abgeleitet und bilden die Grundlage der vorgängig erklärten Leitlinien.
– Der erste Grundsatz verlangt den uneingeschränkten Respekt gegenüber jeglicher Form von Verschiedenartigkeit (Diversität).
– Der zweite Punkt fordert, dass Handlungen, welche die Würde einer Person missachten, sowie jegliche Form von Gewalt nicht toleriert werden.
– Der dritte Punkt verlangt, die Interventionen an die Bedürfnisse und Funktionsweise der Familien anzupassen.
– Der letzte Punkt fordert dazu auf, eine nicht wertende, aber dennoch kritische Haltung einzunehmen, somit eine Haltung, die es nicht zulässt, Ereignisse, Beobachtungen und Anschauungen als unveränderliche Tatsachen oder Wahrheiten zu betrachten.

Die sozialpädagogische Familienbegleitung wird von diesen Prinzipien und Wertvorstellungen geleitet, gleichzeitig ist es das übergeordnete Ziel der AEMO-Familienbegleitung, zu verhindern, dass sich Schwierigkeiten langfristig einnisten. Die AEMO hat den Auftrag, den Familien zu den nötigten Ressourcen verhelfen, damit die Betroffenen ihre Handlungsfähigkeit wiedererlangen.

Eine länger oder kürzer dauernde Hilfestellung

Es vergehen mehrere Monate zwischen dem Start einer Familienbegleitung durch die AEMO und dem Ende dieser Hilfestellung. Eine Familienbegleitung erstreckt sich im Normalfall über 18 Monate. Diese Zeitspanne kann selbstverständlich, je nach Bedarf und in Abhängigkeit der Situation, verlängert oder verkürzt werden. Die ersten drei Monate dienen dazu, Bekanntschaft zu schliessen, eine erzieherische Beziehung aufzubauen, Informationen zu sammeln, um die Probleme einzugrenzen. Sobald die Erwartungen klar formuliert und das Projekt in Zusammenarbeit mit der betroffenen Familie ausgearbeitet worden ist, läuft der Umdenkprozess im Innern der Familie an und die Veränderungen können in Angriff genommen werden. Diese zweite Etappe zieht sich über mehrere Monate hinweg. Änderungen benötigen Zeit, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Während der dritten und letzten Phase muss sich die Familie der erreichten Veränderungen bewusst werden. So wird es ihr gelingen, aus ihren Erkenntnissen Nutzen zu ziehen und die Türen der AEMO definitiv hinter sich zu schliessen...

Fondation Carrefour