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Risikofaktoren für Abbrüche in der Fremdplatzierung

Beitrag aus der EQUALS-Forschung.Von Martin Schröder, Nina Kind, Nils Jenkel

Wie im letzten Newsletter berichtet, wurden in einer EQUALS-Stichprobe von unterschiedlichen sozialpädagogischen Institutionen in der Schweiz Abbruchraten von 25% bis 45% festgestellt. Im Schnitt waren es 35.6%. In einer weiteren statistischen Analyse von rund 600 Austritten kristallisierten sich folgende Risikofaktoren für Abbrüche in der Fremdplatzierung heraus: Tod einer wichtigen Bezugsperson, die Anzahl früherer Fremdunterbringungen und Substanzmissbrauch der Kinder und Jugendlichen.

Einleitung

Abbrucherfahrungen können bei allen Beteiligten demoralisierend wirken (Wade et al. 1998) sowie weitere vielfältige negative Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben, wie zum Beispiel soziale Isolation, geringere Bildungserfolge und eine eingeschränkte Lebensqualität, welche sich mit Schwierigkeiten des späteren Übergangs in die Selbständigkeit verbinden (Millham et al. 1986, Biehal et al. 1995, Vinnerljung et al. 2004, Aarons et al. 2010). Schon nur deshalb ist es wichtig, den Wissensstand zu den Risikofaktoren für Abbrüche in der Fremdplatzierung zu erweitern, damit diese in der Praxis noch besser antizipiert und adressiert werden können.

Methode

Die Daten für die Auswertung stammen von 617 Kindern und Jugendlichen, die zwischen 2011 und 2017 aus einer der sozialpädagogischen Institutionen ausgetreten sind, die regelmässig Daten mit dem EQUALS-Tool erfassen. In dieser Stichprobe sind es 30 verschiedene sozialpädagogische Institutionen aus der Schweiz und 10 aus Deutschland. In der Analyse wurde in einem ersten Schritt überprüft, in welchen Daten es signifikante Unterschiede zwischen den Kindern und Jugendlichen mit einem Abbruch und denjenigen mit einer regulären Beendigung der Fremdplatzierung gab. Neben Informationen aus der Vorgeschichte zeigten sich diese besonders in den Selbstbeurteilungen mit dem MAYSI-2. Dies ist ein Fragebogen, welcher wichtige psychische Belastungen/ Risiken für stationäre Massnahmen erfasst (Grisso & Barnum, 2000). Um die Bedeutsamkeit der gefundenen Faktoren in eine Relation zu setzen, wurden diese in einem weiteren Schritt in einem gemeinsamen Regressionsmodell betrachtet.

Ergebnisse

Kinder und Jugendliche, die später einen Abbruch erlebten, hatten häufiger den Tod einer wichtigen Bezugsperson in ihrer Vorgeschichte (19.6% vs. 7.9%). Sie waren zuvor doppelt so häufig fremdplatziert gewesen (2.1 vs. 1.0 frühere Fremdplatzierungen) und waren zum Zeitpunkt des Eintritts in die EQUALS-Institution älter als die, welche regulär ausgetreten waren (15.2 vs. 14.7 Jahre). Im MAYSI-2-Fragebogen berichteten sie über deutlich mehr Auffälligkeiten in den Bereichen „Alkohol/Drogen“, „ärgerlich-reizbar“, „Suizidgedanken“ und „traumatische Erlebnisse“. Bezüglich des Geschlechts oder anderer erfasster kritischer Lebensereignisse aus der Vorgeschichte gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Bei der Betrachtung aller Faktoren in einem gemeinsamen statistischen Regressionsmodell zur Vorhersage eines späteren Abbruchs bleiben folgende Faktoren signifikant: Tod einer wichtigen Bezugsperson, die Anzahl früherer Fremdunterbringungen und der Substanzmissbrauch der Kinder und Jugendlichen. Eine Zusammenfassung und Visualisierung der Ergebnisse können Sie sich hier ansehen.

Diskussion & Ausblick

Der Risikofaktor „frühere Fremdunterbringungen“ findet sich in vielen anderen internationalen Studien (Schmid et al. 2014, Macsenaere & Esser 2012, Sallnäs et al. 2004, Schmidt et al. 2002, Moffat & Thoburn 2001). Demnach überrascht dieser Befund nicht, er zeigt aber einmal mehr, welche Relevanz eine tragfähige Hilfe – und eine Kontinuität in den Beziehungen – für den weiteren Verlauf haben kann. Weiter ist zu resümieren, dass es nicht einfach nur „dissoziale und/oder substanzmissbrauchende Kinder und Jugendliche“ sind, welche in einer Institution schwerer gehalten werden können. Die Kinder und Jugendlichen sind auch dadurch zu beschreiben, dass gerade diese schon früher besonders viel an Verlust von Beziehung und viele (Ab-)Brüche erlebt haben und sehr hoffnungslos sind. Auch dies sollte grundsätzlich motivieren, Wege zu gehen, welche Abbrüche möglichst verhindern.

Für die Praxis bedeuten die Ergebnisse, dass Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen, welche die Tragfähigkeit einer Institution auf die Probe stellen, immer aus dem Willen zu einem umfassenden Fallverstehen heraus interpretiert werden sollten, bevor an einen Abbruch gedacht wird, weil die Hausregeln so sind wie sie sind. Ein Beitrag im nächsten Newsletter wird sich mit Faktoren in den EQUALS-Daten auseinandersetzen, welche einen regulären Verlauf positiv beeinflussen.

» Zusammenfassung und Visualisierung

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