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«Die Interessen der Jugendlichen stehen im Zentrum»

Schlupfhuus Zürich. Im Mai 2018 haben wir das Schlupfhuus in Zürich besucht und Lucas Maissen, Institutionsleiter des Schlupfhuus ein paar Fragen zum Schlupfhuus gestellt. Das Schlupfhuus setzt sich für Jugendliche in Not ein, es betreibt ein Wohnhaus mit elf Plätzen für stationäre Betreuung während einer Nacht bis maximal drei Monaten. Jugendlichen in Notsituationen wird jederzeit ohne Formalitäten oder vorgängige Kostengutsprachen fachkundige Hilfe bzw. Schutz angeboten. Der niederschwellige Zugang, die Parteilichkeit für die Jugendlichen sowie eine Zusammenarbeit mit ihnen, die immer auf Freiwilligkeit beruht, gehören zum erklärten Selbstverständnis des Schlupfhuus.

 

Integras: Die erklärte Parteilichkeit für die Jugendlichen. Was bedeutet sie? Beispiele?

Lucas Maissen: Darunter verstehen wir eine Haltung welche die Anliegen, Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen ins Zentrum stellt, sie darin bestärkt ihre Rechte und Pflichten als autonome Persönlichkeiten wahrnehmen zu können. Auch heute noch ist diese konsequente Berücksichtigung der Kinderrechte, insbesondere dann wenn damit für die Erwachsenen und die Hilfesysteme zusätzliche Herausforderungen verknüpft sind, keine Selbstverständlichkeit. Wir setzen uns dafür ein, dass die Expertenschaft der Jugendlichen für die eigene Situation ernst genommen wird. Die Inhalte bestimmen aber die Jugendlichen selber.

Kann diese Parteilichkeit an Grenzen stossen? Falls ja: Wann oder wie?

Das Thema sind weniger die Grenzen, als Missverständnisse, die leicht auftauchen können. Hier ist eine gute Kommunikation gefordert. Die Haltung bedeutet nicht mit allem, was Jugendliche sich wünschen, einverstanden zu sein. Wir äussern gegenüber den Jugendlichen auch unsere Bedenken und abweichenden Einschätzungen und versuchen ihnen andere Perspektiven, etwa jene der Eltern oder Beistände, aufzuzeigen. Wir nehmen ihnen aber keine Entscheidungen ab oder formulieren Wünsche für sie. Vielmehr geht es um Übersetzungsarbeit und das Verstehbar-Machen für alle Beteiligten. Wobei unser Fokus im Sinne der Parteilichkeit bei der Stärkung der/des Jugendlichen liegt, während andere Fachstellen ihren Schwerpunkt eher in der Zusammenarbeit mit den Eltern sehen.

Der Niederschwellige Zugang, das Partei ergreifen für die Jugendlichen und die freiwillige Zusammenarbeit. Diese drei Punkte sind ein sehr klares Selbstverständnis. Woher stammt dieses Selbstverständnis?

Dieses Selbstverständnis war schon 1980 bei der Gründung des Schlupfhuus zentral und wird bis heute äusserst konsequent gelebt. Eine erste Idee für das Konzept und Selbstverständnis des Schlupfhuus entstammte dem Konzept einer Krisenberatungsstelle in Amsterdam, die sich dem Grundsatz verpflichtete, dass Jugendliche sich selber melden können und ohne Wartezeiten und Vorabklärungen Hilfe erhalten. Die Grundhaltung, dass die Jugendlichen selber definieren, ob und in welcher Weise sie Hilfe benötigen, prägt unsere Arbeit weiterhin.

Gibt es in anderen Regionen, Städten andere Organisationen, die nach demselben Selbstverständnis arbeiten?

Das Schlupfhuus in St. Gallen, welches Namen und Konzept vom Schlupfhuus Zürich übernommen hat, sowie das Mädchenhaus in Zürich gehören zu jenen Institutionen in der Schweiz, die ein ähnliches Selbstverständnis leben. Niederschwelligkeit betrifft zum einen den Zugang zu einem Angebot, insbesondere dass eine Aufnahme ohne vorgängige Kostengutsprache oder Behördenkontakte möglich ist. Im Schlupfhuus wollen wir den Grundsatz der Niederschwelligkeit aber auch in dem Sinne leben, dass der institutionelle Rahmen konsequent den individuellen Bedürfnissen und dem Unterstützungsbedarf der einzelnen Jugendlichen Rechnung trägt. Durch die Umsetzung traumapädagogischer Standards wollen wir unsere Tragfähigkeit auch für mehrfach belastete Jugendliche erhöhen und gleichzeitig eine gute emotionale Versorgung der Mitarbeitenden gewährleisten.

Die Jugendlichen bleiben maximal drei Monate im Schlupfhuus. Was geschieht in dieser Zeit?

Die Jugendlichen sollen zuerst einmal ankommen. Was trivial klingt, ist bei Jugendlichen, welche oftmals und teilweise über längere Zeit existenzielle Bedrohungen, nicht selten durch ihre Bindungspersonen, erlebt haben, alles andere als einfach. Die erste Phase des «Ankommens» widmet sich daher sehr bewusst diesem Umstand. Durch die Schaffung eines traumapädagogischen Millieus versuchen wir korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen, die von Verlässlichkeit und Transparenz geprägt sind. Oft haben die Jugendlichen «Überlebensstrategien» entwickelt, die in der Vergangenheit nötig waren, in der aktuellen Situation aber nicht mehr hilfreich sind. Das gemeinsame Verstehen von Verhaltensweisen und das Würdigen bisheriger Bewältigungsstrategien sind zentral und bedeuten für die Jugendlichen nicht selten bereits eine grosse Entlastung.

Zur Phase des «Ankommens» gehört für uns auch eine Ersteinschätzung einer möglichen Kindswohlgefährdung, die Klärung der Finanzierung und die Vernetzung mit bereits involvierten Fachpersonen und weiteren für die Jugendlichen wichtigen Systemen. Von Beginn an binden wir auch das Familiensystem in Absprache mit den Jugendlichen in unsere Arbeit ein. Viele Jugendliche und ihre Familien hatten noch keinen Kontakt mit Hilfesystemen. Hier wird versucht, die Betroffenen zu motivieren, sich die nötige Unterstützung zu holen. Wo dies nicht gelingt, wird gemeinsam mit den Jugendlichen erwogen, den behördlichen Weg einzuschlagen und eine Meldung bei der KESB zu machen.

In der Phase des «Weiterkommens» geht es um die Klärung wie es weitergehen könnte, was die Jugendlichen und ihre Familien benötigen, um gemeinsam wieder einen Sicheren Ort für alle entwickeln zu können. In unserer Arbeit steht dabei im Vordergrund, dass die Jugendlichen selber sich in ihrer Situation orientieren und Perspektiven entwickeln können. Im «Weitergehen», der letzten Phase des Aufenthalts, werden nach Möglichkeit Voraussetzungen geschaffen, dass alle Involvierten die nächsten Schritte zuversichtlich angehen können. Dauer und Ablauf dieser drei Phasen können sehr verschieden sein.

Freiwilligkeit bedeutet auch, dass die Jugendlichen die Hilfe selbstbestimmt wieder abbrechen dürfen – sofern nicht eine massive Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Auch die Art und Weise wie die Stabilisierung der Jugendlichen und die Klärung der Situation gestaltet wird, erarbeiten die Mitarbeitenden im Dialog mit den Jugendlichen als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Situation. Dies erfordert auf der Seite der Fachpersonen eine grosse Flexibilität und Kreativität. Eine Jugendliche mit langjähriger Heim- und Psychiatrieerfahrung hat dies wie folgt auf den Punkt gebracht: «Im Schlupfhuus versucht ihr zu verstehen. In den andern Heimen gings ums Konzept».

Wohin gehen die Jugendlichen nach dem Schlupfhuus?

Wir legen Wert darauf, den Prozess offen zu gestalten, auch wenn die Jugendlichen zu Beginn eine Rückkehr zu den Eltern vehement ausschliessen. Viele Jugendliche kehren mit entsprechender Begleitung wieder in die Familie zurück. Bei anderen kommt es im Anschluss zu einer Platzierung in einer Institution oder Pflegefamilie. Auch der Aufenthalt auf einer Beobachtungsstation oder in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik sind Möglichkeiten. In Einzelfällen wohnen Jugendliche nach Austritt selbständig.

Nehmen Sie in den letzten Jahren Veränderungen wahr? Haben gewisse Probleme zugenommen oder abgenommen?

Viele über die letzten Jahre aufgebauten ambulanten Unterstützungsangebote scheinen aus unserer Sicht zu greifen. Eine Herausforderung stellt immer noch die Zusammenarbeit über die verschiedenen Unterstützungssysteme hinweg dar. So besteht in der Zusammenarbeit zwischen sozialpädagogischen und kinder- und jugendpsychiatrischen Angeboten unseres Erachtens Handlungsbedarf. Aber auch in der Zusammenarbeit zwischen den Heimen gibt es noch viel Verbesserungspotential – etwa in der gemeinsamen Gestaltung von guten Übergängen oder bezüglich Handlungsmöglichkeiten in Krisensituationen. Nach wie vor erleben Jugendliche viel zu oft Beziehungsabbrüche und werden von einer zur nächsten Institution «weitergereicht». Leider immer noch rar sind Plätze für Jugendliche, welche als komplextraumatisiert bezeichnet werden können. Hier wären hochtragfähige Institutionen mit einer konsequent gelebten traumapädagogischen Ausrichtung nötig, die eng mit dem psychiatrisch-psychologischen Versorgungssystem kooperieren.

» Lucas Maissen ist Dipl. klin. Heil- & Sozialpädagoge und Psychologe M.Sc. und Institutionsleiter des Schlupfhuus Zürich.

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Dieses Interview wurde schriftlich geführt. Interview: Laura Valero