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Vorerfahrungen von Missbrauch und Vernachlässigung unter Jungen und Mädchen in der stationären Jugendhilfe

Von Nina Kind, Martin Schröder, Nils Jenkel

In einer EQUALS-Stichprobe aus mehreren sozialpädagogischen Institutionen in der Schweiz wurden selbstberichtete Vorerfahrungen von Missbrauch und Vernachlässigung zwischen Mädchen und Jungen verglichen.

Einleitung

Mädchen und Jungen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe haben häufig potenziell traumatisierende Erfahrungen erleiden müssen. So gehen amerikanische und britische Untersuchungen davon aus, dass über 60% der Kinder in Heimen frühere Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen gemacht haben (Meltzer et al. 2003, Burns et al. 2004). Solche frühe Misshandlungen stellen ein bedeutsames Risiko für die gesunde körperliche und emotionale Entwicklung dar. Während Vernachlässigung als eine passive Misshandlungsform der Unterlassung beschrieben wird, handelt es sich bei Missbrauch um ein gegensätzliches aktives, schädigendes Tun und Übergreifen (Hermann, 2005). Gibt es zwischen selbstberichteten Misshandlungsformen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

Methode

Die Daten für die Auswertung stammen von 333 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 22 Jahre aus 23 Institutionen, die zwischen 2011 und 2018 den Childhood Trauma Questionnaire (CTQ; Bernstein & Fink, 1998) im EQUALS-Tool bearbeitet haben. Diese Selbstbeurteilung hat sich als Screening zur Erfassung von Vernachlässigungs- und Missbrauchserfahrungen in der Kindheit weltweit etabliert. Er unterscheidet die Skalen emotionaler Missbrauch (z.B. Beleidigungen und abwertende Bemerkungen), körperlicher Missbrauch, sexueller Missbrauch, emotionale Vernachlässigung (z.B. die Familie nicht als Quelle der Kraft und der Unterstützung empfinden) und körperliche Vernachlässigung. In der statistischen Analyse wurde untersucht, ob es bei diesen möglichen Erfahrungen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gab.

Ergebnisse

Im Vergleich zu den Jungen berichteten die Mädchen generell häufiger von Missbrauchserfahrungen (emotional: 37% vs. 15%, körperlich: 31% vs. 14%, sexuell: 30% vs. 9%). Die Mittelwertunterschiede in den Skalenwerten waren dabei allesamt hochsignifikant (p<.001). Die Jungen hingegen berichteten im Vergleich zu den Mädchen häufiger von emotionaler Vernachlässigung (67% vs. 49%). Auch dieser Unterschied war statistisch hochsignifikant.

Die berichtete körperliche Vernachlässigung, also der Mangel an gesundheitlicher Fürsorge und Schutz vor Gefahren (Cantwell, 2002; Strassburg, 2002), war gleichermassen ausgeprägt (69% vs. 65%). Unter beiden Geschlechtern berichtet eine Mehrheit, dass sie z.B. nicht das Gefühl hatten, dass es jemand gibt, der sie beschützt, oder sie zum Arzt brachten, wenn es nötig war.

Schlussbemerkungen

Wenngleich es Geschlechterunterschiede in den berichteten Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen gibt, so wird auch in unseren Daten deutlich, dass Kinder und Jugendliche vor den ausserfamiliären Unterbringungen ein ausserordentlich hohes Mass an Misshandlungen erlebt haben und somit eine essenzielle Arbeit der sozialpädagogischen Institutionen schon rein darin besteht, korrigierende Beziehungserfahrungen zu ermöglichen und grundlegendsten Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen nach Sicherheit und emotionaler Zuwendung gerecht zu werden.

 

Eine Zusammenfassung und Visualisierung der Ergebnisse können Sie sich hier ansehen.