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Dunkles Kapitel der Sozialpolitik

Flyer Gedenkanlass

Am Samstag, 21. September 2019 findet in der Lokremise St. Gallen ein Gedenkanlass für Betroffene fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen statt.

Der Anlass richtet sich in erster Linie an Betroffene und ihre Angehörigen, ist aber grundsätzlich öffentlich.

Das Departement des Innern des Kantons St. Gallen beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Bis in die 1980er-Jahre wurden schweizweit zehntausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene von Behörden in geschlossene Einrichtungen platziert oder auch in Bauernhöfen sowie in Gewerbebetrieben untergebracht («verdingt»), wo sie schwer arbeiten mussten. Diese Menschen waren oft auch körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt. Auch die Trennung von Eltern und Geschwistern war schmerzhaft. All das können wir nicht rückgängig machen. Wir können aber die Betroffenen heute unterstützen und die Erinnerung an die Ereignisse aufrechterhalten.

Gedenkanlass und Zeichen der Erinnerung

Damit dieses dunkle Kapitel der Sozialpolitik nicht in Vergessenheit gerät, veranstaltet das Departement des Innern in Zusammenarbeit mit Betroffenen, der Opferhilfe, der Stadt St. Gallen und der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten am Samstag, 21. September 2019, 14.00 Uhr in der Lokremise in St. Gallen einen Gedenkanlass. Am Anlass selber werden Stellungnahmen seitens des Kantons und Betroffener abgegeben, ergänzt durch zwei wissenschaftliche Referate von Prof. em. Jakob Tanner, Universität Zürich, und Prof. Lukas Gschwend, Universität St. Gallen. Im Anschluss an das Programm in der Lokremise wird ein Erinnerungszeichen auf dem nahen Spielplatz Kreuzbleiche eingeweiht (Beginn ca. 15.30 Uhr). Der ganze Anlass richtet sich in erster Linie an Betroffene und ihre Angehörigen, ist aber grundsätzlich öffentlich. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Es würde mich sehr freuen, wenn sich möglichst viele Betroffene und Angehörige an diesem Gedenkanlass in St. Gallen einfinden würden.

Historische Aufarbeitung muss weitergehen

Der Gedenkort und die Art des Erinnerungszeichens wurden in enger Zusammenarbeit mit Betroffenen bestimmt. Ein Spielplatz als Standort mag ungewöhnlich erscheinen, soll aber auf die Tatsache verweisen, dass aufgrund der angeordneten Massnahmen vielen Betroffenen eine unbeschwerte Kindheit und Jugend verwehrt blieb.

Die historische Forschung muss im Übrigen weitergehen, denn es darf nie vergessen werden, dass staatliche Fürsorge auch unterdrückerische Formen annehmen kann, wenn sie die Grundrechte der Einzelnen, gerade auch von Kindern, ignoriert.

Betroffene werden im Kanton St. Gallen seit längerer Zeit vom Staatsarchiv und von der Stiftung Opferhilfe bei der Suche nach Akten zu ihrer Lebensgeschichte unterstützt. Entsprechende Dokumente und Hilfestellungen waren zudem gefragt, um die Gesuche von Einzelpersonen um einen Solidaritätsbeitrag des Bundes einzureichen. Die Stiftung Opferhilfe hat bis Ende 2018 479 Betroffene beraten. Von diesen Betroffenen haben bis letztes Jahr 423 Personen ein Gesuch für einen Beitrag gestellt. Auch das Staatsarchiv war bisher in 354 Fällen beratend tätig. Im Weiteren laufen im Kanton St. Gallen weiterhin Forschungsarbeiten zur historischen Aufarbeitung.

Den Verantwortlichen des Fachverbandes Integras möchte ich an dieser Stelle bereits dafür danken, dass sie uns bei der Verbreitung von Informationen zu diesem Anlass in den Heimen unterstützt haben.

Regierungsrat Martin Klöti
Vorsteher Departement des Innern des Kantons St.Gallen