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Umgang von Schulen mit sozial beeinträchtigten Schülerinnen und Schülern

Wie andere Kantone auch verzeichnete der Kanton Aargau in den letzten Jahren eine starke Zunahme der Verstärkten Massnahmen (VM) im Bereich verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler. Weil mit bildungsstatistischen Daten nicht erklärt werden konnte, warum es in einzelnen Gemeinden einen grossen Anstieg gab und in anderen Gemeinden nicht, wurde ein Forschungsprojekt mit zwei Hochschulen lanciert.

Erste Erkenntnisse

Das Forscherteam konnte empirisch nachweisen, dass bei einer guten Zusammenarbeit im Schulteam Belastungen weniger stark ins Gewicht fallen und die Arbeitszufriedenheit grösser ist. Wie viele Verstärkte Massnahmen eine Schule zur Verfügung hat, steht statistisch in einem bedeutsamen Zusammenhang mit dem Klima im Team, der Innovationsbereitschaft des Teams und der Einstellung zur Integration. Damit ein Team für verhaltensauffällige Schüler und Schülerinnen integrative Lösungen realisieren kann, braucht es zusätzlich eine gute Koordination durch die Schulleitung, ein polyvalentes Rollenverständnis bei den Teammitgliedern und eine positive Einstellung gegenüber der Diversität in der Schülerpopulation.

Die integrative Organisation der heilpädagogischen Förderung im Rahmen der Regelklasse garantiert nicht, dass eine Schule in Bezug auf verhaltensauffällige Schüler und Schülerinnen tragfähiger wird. Entscheidend ist, ob die Arbeitsteilung im multiprofessionellen Team situativ und nicht entlang der spezifischen Funktionen von Schulischer Heilpädagogik, Schulsozialarbeiter, Klassenlehrperson und Schulleitung organisiert ist. Ein polyvalentes Rollenverständnis ermöglicht es den Akteuren, flexibel auf die Erfordernisse herausfordernder Situationen zu reagieren.

Gibt es in einer Gemeinde Kleinklassen, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler dorthin versetzt werden. Solche Abstufungen entlasten selbstverständlich die Regelschulklassen von Unterrichtsstörungen, die aber nun konzentriert in den Kleinklassen auftauchen. Sie verschwinden faktisch nicht, sondern werden an einen anderen Ort verschoben. Dort müssen die Verhaltensprobleme mittels starker Anteile von Schulsozialarbeit und Schulischer Heilpädagogik bearbeitet werden.

Fazit

Förderressourcen im weitesten Sinne sind ein wichtiges Mittel, um Spannung aus den Schulen zu nehmen, wie sie beim Umgang mit verhaltensauffälligen Lernenden auf verschiedenen Ebenen entstehen. Die Autoren des Forschungsprojektes empfehlen daher, Zeitgefässe für Selbstreflexion (Teamcoaching und Fallbesprechung als professionelle Formen) einzuführen, um zu thematisieren, welche Konflikte und Emotionen in der Auseinandersetzung mit schwierigen Schülern und Schülerinnen entstehen. Gelingt es einem Team, schwierige Gefühle und unliebsame Reaktionen auf eine sprachliche Ebene zu heben, wird dies positive Auswirkungen auf den Umgang mit sozial beeinträchtigten Schülerinnen und Schülern haben und präventiv wirken.

Das Forschungsprojekt wurde von Dr. Daniel Barth (HfH), Prof. Dr. André Kunz (PHZH) und Prof. Dr. Reto Luder (PHZH) durchgeführt. 13 Schulteams wurden online zu den Themen Schulklima, Kooperation, professionelle Kompetenzen, Einstellung zur Integration, allgemeine und spezielle Belastung befragt. In acht Schulen fanden zudem Gruppeninterviews mit einer interdisziplinären Gruppe statt.
Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes werden demnächst publiziert.