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EQUALS: Alkohol- und Drogenkonsum unter Jugendlichen in der stationären Jugendhilfe

Beitrag aus der EQUALS-Forschung
Von Nina Kind, Martin Schröder, Nils Jenkel

In der Jugendhilfe scheinen wir besonders häufig mit Jugendlichen konfrontiert, die schon in der Vorgeschichte Alkohol und Drogen konsumiert haben, sie missbrauchen oder gar abhängig sind. Doch wie häufig ist dieses «besonders häufig» – andere Jugendliche trinken und kiffen doch auch? Wir haben die Lebenszeit- sowie die 30-Tage-Prävalenzen des selbstberichteten Konsums von Alkohol, Cannabis und anderen Drogen aus einer EQUALS-Stichprobe mit einer repräsentativen Schweizer Schulstichprobe verglichen.

Einleitung

Sich ab dem Jugendalter mit dem Konsum von Alkohol und Drogen auseinanderzusetzen, gehört im Leben dazu. Allerdings birgt die Schädlichkeit dieser psychoaktiven Substanzen Gefahren. Dazu gehört eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine spätere Abhängigkeit, andere psychische oder somatische Problemen zu entwickeln oder riskantes Verhalten einzugehen (z.B. in den Bereichen der Sexualität oder Delinquenz). Wenn die Bewältigung der Entwicklungsaufgabe «Umgang mit Suchtmitteln» misslingt, läuft es sogar oft auf langfristige und massive Einschränkungen der sozialen Teilhabe hinaus. Dies wird leider auch in unserer Nachuntersuchung von Care Leavern im Rahmen der JAEL-Studie in vielen Fällen nur allzu deutlich. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, dass die Jugendhilfe in der Verantwortung ist, diesem Thema mit einem besonderen Augenmerk zu begegnen. Nicht zuletzt, weil viele Jugendliche in den Institutionen schon oft durch Teilhabebeeinträchtigungen vorbelastet sind. Diese beinhalten vermutlich auch, dass sie weit häufiger und früher in Kontakt mit Alkohol und Drogen gekommen sind, als die Gleichaltrigen, die nicht ausserfamiliär untergebracht werden. Doch stimmt das? Wie weit verbreitet ist der Substanzkonsum unter Heimjugendlichen im Vergleich zu den anderen?

Methode

Die Auswertungen basieren auf den Daten aus insgesamt 32 EQUALS-nutzenden Institutionen und umfassen 455 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 11 bis 27 Jahren, die zwischen 2011 und 2019 zu ihrem Konsumverhalten von Alkohol, Cannabis und anderen illegalen Substanzen (Amphetaminen, Kokain, Opiate) befragt wurden. Von Interesse waren die Items zur Lebenszeitprävalenz («Hast du jemals ... konsumiert?») sowie zur 30-Tages-Prävalenz («Hast du in den letzten 30 Tagen ... konsumiert?»), weil diese Angaben mit einer Schweizer Schulstichprobe aus der internationalen WHO Studie «Health Behaviour in School-aged Children» (HBSC; Delgrande Jordan, Schneider, Eichenberger & Kretschmann, 2019) verglichen werden konnte. Diese umfasst 6‘573 Schülerinnen und Schüler im Alter von 11 bis 15 Jahren aus öffentlichen Schweizer Schulen.

Ergebnisse

Unter den bis 13-jährigen haben in der Heimstichprobe 40% schon einmal in ihrem Leben Alkohol konsumiert, bei den 15-jährigen sind es bereits 86%. Die Schüler*Innen liegen hier mit 37% resp. 69% leicht darunter. Weit grössere Unterschiede bei den Zahlen zur Lebenszeitprävalenz gibt es beim Konsum von illegalen Drogen. Während zum Beispiel 71% der 15-jährigen in der stationären Jugendhilfe angegeben haben, mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben, sind es unter den Schüler*innen nur 22%. Noch deutlicher wird die Diskrepanz bei den übrigen der erfassten Substanzen (Amphetamine, Kokain, Opiate). In der EQUALS-Stichprobe sind 28% der 15-jährigen schon mit diesen in Kontakt gekommen, unter den Schülern sind es 2%.

Bei der 30-Tage-Prävalenz von Alkohol gibt es zwischen den beiden Stichproben keine sichtbaren Unterschiede. Sie steigt zwischen 13 bis 15 Jahren ähnlich an (19-41% in der Heimstichprobe vs. 14-44% unter den Schüler*innen). Beim Cannabiskonsum ist der Unterschied wiederum deutlich. In der Heimstichprobe steigt sie zwischen 13 und 15 Jahren von 8% auf 34% an, unter den Schüler*Innen von 0% auf 11%. Bezüglich anderer illegaler Drogen (Amphetamine, Kokain und Opiate) berichten 15% der 15-jährigen aus der stationären Jugendhilfe im letzten Monat konsumiert zu haben, für die Schüler*Innen liegen keine direkt vergleichbaren Daten vor.

Bis hierhin wurden nur Zahlen jener Altersgruppen berichtet, bei welchen klare Vergleiche zwischen den Stichproben möglich sind. In der Visualisierung der Gesamtergebnisse sind auch die Prävalenzen für die älteren Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen aus der Stichprobe zu finden.

Abschliessende Bemerkungen

Schon im Modellversuch MAZ. (Schmid et al., 2013) gehörten substanzgebundene Störungen unter den untersuchten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der stationären Jugendhilfe zu den häufigsten klinischen Diagnosen. Diese vorliegenden Ergebnisse ergänzen, dass Heimjugendliche häufiger und früher Substanzen konsumieren, als nicht ausserfamiliär untergebrachte Gleichaltrige. Beim Alkohol scheinen in dieser Stichprobe die Unterschiede zu den Schüler*innen zwar eher gering, bei den anderen Drogen sind sie jedoch umso deutlicher: In den Jugendhilfeeinrichtungen waren im Vergleich weit mehr zu finden, die schon in einem sehr jungen Alter nicht nur mit Cannabis, sondern auch mit «harten» Drogen experimentiert haben.

Wenn wir also fragen, ob der Konsum von Alkohol und Drogen in der stationären Jugendhilfe als ein besonders zu beachtendes Thema zu gelten hat, so lautet die Antwort: Ja. Und wenn es ein Ziel sein soll, dass die überantwortenden Kinder und Jugendlichen eine möglichst gute soziale Teilhabe erreichen, so müssen in der Praxis sowohl Primär-, Sekundär- als auch Tertiärprävention von schädlichem Substanzgebrauch/Sucht in den Blick genommen werden.
 

Zusammenfassung und Visualisierung der Ergebnisse

 

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