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Die Coronakrise ist eine ethische Krise und Chance zugleich

Autorin: Gabriele Rauser, Integras

Die meisten von uns machen zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung einer Pandemie. Niemand von uns war wirklich darauf vorbereitet. Auch jetzt wissen wir noch nicht wirklich wie es weitergehen oder was noch auf uns zukommen wird.

Die Ausrufung der ausserordentlichen Lage durch den Bundesrat war eine erste Reaktion, gepaart mit einschneidenden Massnahmen für die Eindämmung zur Verbreitung des Coronavirus. Damit übernahm der Bundesrat das Ruder und regierte fortan ohne Parlament. Was hat das in unserer Demokratie ausgelöst? Eine Regierung, die nicht vom Parlament beaufsichtigt wird entspricht nicht unseren Werten und Gewohnheiten. Dennoch haben wir uns dafür zugunsten einer notwendigen Handlungsfähigkeit im Augenblick entschieden. In der Schweiz konnten/können wir uns auf die stabilen Werte unserer direkten Demokratie bisher verlassen, dennoch war/ist dies nicht selbstverständlich.

Ein weiteres Spannungsfeld erlebten wir zwischen Wirtschaft und Gesundheit. Der Lockdown hat gewaltige finanzielle Auswirkungen auf unsere Wirtschaft – und dies nicht nur für unsere Generation. Wo vorher ein Zusammenspiel in der Gesellschaft ohne Wirtschaft undenkbar war, weil schlicht nicht finanzierbar, wurde schlagartig gleich alles der Gesundheit der Bevölkerung und dem Erhalt des medizinischen Systems untergeordnet. Aber wie sollen und wollen wir das in Zukunft gestalten?

In der Not waren und sind wir auf gesellschaftliche Systeme angewiesen, welche zuvor teilweise wenig Anerkennung erhielten – too big to fail, also systemrelevant, galten bisher ausschliesslich unsere Banken. Durch die Krise trugen und tragen uns aber weit mehr Teilsysteme wie Spitäler und das medizinisches Fach- und Pflegepersonal, Lebensmittelmärkte, Abfallentsorgung, öV, Post, etc. Systemrelevant sind auch – das wurde uns jetzt bewusst – viele Berufe der sozialen Arbeit mit Altenpflegern und Altenpflegerinnen, Spitex-Mitarbeitenden, Sozialpädagog_innen der Kinder- und Jugendhilfe und natürlich nicht zu vergessen alle Familien, wobei ich diesen Begriff sehr weit interpretiert haben möchte.

Viele dieser Teilsysteme sind durch das zuvor geltende Primat der Ökonomie völlig durchökonomisiert worden, dies mit weitreichenden Folgen für eine Krisensituation: Wir sahen Spitäler, die schlicht zu wenig Mittel hatten, um sich ausreichend um ihre Patienten zu kümmern. Wir klatschten für Personal und Fachpersonen die keine Boni erhalten und deren Löhne im Vergleich zur gesamtgesellschaftlichen Leistung Fragen aufwerfen. Das gilt insbesondere auch für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Konnten wir nicht unterdessen feststellen, dass diese Bereiche im Sinne der klassischen Ökonomie völlig unterbewertet sind? Oder können wir nicht mindestens die Frage ihrer gerechten Bewertung in den Raum stellen? Die Vorstellung «Deregulieren, privatisieren, alles der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen, und alles wird gut, so dachte man.»[1] hat uns bereits mit der Krise des Kreditsystems und der Banken in den Jahren 2007/08 stark zweifeln lassen. Das Versprechen der Ökonomie konnte nicht eingelöst werden. Was sind jetzt unsere Alternativen?

«Ich erwarte keine schnelle Besserung»[2] sagt Reiner Eichenberger, Wirtschaftswissenschaftler und Professor für die Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg i. Ü. Er schlägt der Schweiz vor die Steuern zu senken, um aus der Wirtschaftskrise zu kommen. In jedem Fall werden wir in der sozialen Arbeit davon betroffen sein, da unser Bereich nur durch öffentliche Gelder möglich ist. Ausfälle bei den Einnahmen durch die Wirtschaft heisst gleichzeitig weniger Steuermittel und damit auch weniger Mittel für all jene Bereiche, welche aus gutem Grund kein Teil der Wirtschaft sind und sein sollten[3]. Das heisst auch, dass wir bereits jetzt anfangen sollten darüber nachzudenken, wie wir bei voraussichtlich weniger Mitteln die Qualität der Kinder- und Jugendhilfe sowie heilpädagogischen Schulen aufrechterhalten können.

Die Coronakrise bringt auch eine Krise ethischer Werte unseres Zusammenlebens in der Gesellschaft hervor – oder ist sie nicht weitgehend eine ethische Krise an sich? Wie wollen wir künftig die einzelnen Teilbereiche unserer Gesellschaft gewichten? Wie wichtig ist uns der Umweltschutz, unser Wohlstand – oder vielmehr unser aktuelles Niveau an Wohlstand[4] und auf wessen Kosten wurde dieser eigentlich erworben? Wie wollen wir alle in einer Gesellschaft zusammenleben? Wie definieren wir ein gutes Leben, so dass sich alle entfalten können?

Dafür brauchen wir eine Diskussion in der Gesellschaft über unsere gemeinsamen Werte und wie wir diese gewichten wollen. Die Bestrebung «zurück zur Normalität» ist dazu nicht geeignet und wenig sinnvoll. Wenn wir auf weitere Krisen dieser Art vorbereitet sein wollen brauchen wir das Gespräch. Diese Krise bietet uns darum gleichzeitig die Chance, über unseren Bereich der Sozialen Arbeit neu nachzudenken und ihm einen neuen Wert zu geben. Wir werden uns auch weiterhin dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendliche als wichtiger Teil unserer Gesellschaft gelten, dass sie gute Bedingungen zum Aufwachsen vorfinden, ihre Rechte gewahrt sind und sie später einmal auf eine gute Kindheit zurückblicken können.

unterschrift rauser gabriele

Gabriele E. Rauser
Integras Geschäftsführerin

 

[1] Zygmunt Bauman, Das Vertraute unvertraut machen, Hoffmann und Campe Verlag Hamburg, 2018

[2] Tagesanzeiger, 12.05.2020, Ich erwarte keine schnellere Besserung. Corona-Massnahmen. Der Ökonom Reiner Eichenberger sagt, der Bundesrat drohe Opfer seines Erfolges zu werden. Die Schweiz solle die Steuern senken, um aus der Wirtschaftskrise zu kommen.

[3] Vgl. dazu Michael J. Sandel, Was man für Geld nicht kaufen kann: Die moralischen Grenzen des Marktes. Sonderausgabe für die Süddeutsche Zeitung Edition 2018, München.

[4] Vgl. dazu Richard Wilkinson/Kate Pickett, Gleichheit ist Glück. Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind. Haffmanns & Tolkemitt, Berlin 2009.