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«Das Familiehuus Steckborn»

Das Heim «Familiehuus Steckborn» feiert dieses Jahr sein 5-jähriges Bestehen und gehört mit weniger als zehn dauerhaften Plätzen zu den sogenannten Kleininstitutionen in der Schweiz. Ein Porträt über eine familiennahe Gemeinschaft.

 

Treffen mit Leonie Meier, Co-Geschäftsleitung Familiehuus, Sozialarbeiterin FH, Mediatorin SDM und Supervisorin BFH.

Wenn Frau Meier später im Wohnzimmer des Familiehuus von sich erzählt, sie sei eine Netzwerkerin, so hat sich das im Bus 826 ab Bahnhof Frauenfeld in Richtung Romanshorn bereits erwiesen. Unter den Beifahrern hat sie ihren Besuch spontan ausgemacht und sich erkundigt: «Kommen Sie das Familiehuus besuchen? Ja? Das treffe sich ja gut, Meier ihr Name, die Co-Geschäftsleiterin des Familiehuus in Steckborn.» Mit ihrer gewinnenden Ausstrahlung und offenen Art ist sie der Typ Macherin, die Menschen für Projekte gewinnen und für Ziele begeistern kann.

Das Postauto fährt ab, hinter dem Busfenster beginnt die Landschaft am Horizont vorbei zu ziehen, während Meier von der Projektidee für ein Heim erzählt, der mühseligen Haussuche rund um Zürich und wie sich dann eine Möglichkeit bot, ein Haus in Steckborn zu kaufen. «Als ich und mein Mann das besichtigten, war klar, das oder keines. Obwohl uns bewusst war, dass wir in einen Umbau investieren mussten.» Mit dem Hauskauf musste auch privat ihre Familie wegziehen. Weg vom geliebten Zürich ins Ungewisse, gut ein Jahr hätte sie gebraucht, bis sie angekommen sei. Aber jetzt möchte sie es nicht mehr missen, die Natur, die Weite und im Leben nochmals losgelassen zu haben. Sie blickt aus dem Fenster und freut sich über die weiss verschneite Landschaft. So viel Schnee wie jetzt hätten sie selten, ein wahres Mikroklima herrsche hier. Der Feigenbaum, den sie zu Beginn vor dem Familiehuus gesetzt hatten, sei unglaublich gut gewachsen, genauso wie ihr «Huus», das Familiehuus. Begonnen haben sie mit drei Mädchen, die heute noch dort wohnen. Normalerweise haben sie acht Dauerplätze, seit Kurzem seien es neun, für ein Geschwister hätten sie eine Sonderbewilligung erhalten. Während sie spricht wird schnell klar, eine Institution wie das Familiehuus steht dauernd vor neuen Herausforderungen. Eigentlich wäre es mit den heranwachsenden Jugendlichen schon fast ruhig im Haus geworden, hätte man sich nicht im letzten Dezember zu einer Kleinkindergruppe entschlossen. Angeboten werden dauerhafte Plätze und damit wird das Familiehuus voraussichtlich für die kommende Zeit komplett sein. Das Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen (KJ) bis zur Selbständigkeit zu begleiten.

Wir sind da. An der Haltestelle «Steckborn, H'berg Scheitingen» steigen wir aus und blicken auf den Bodensee herab: Hier begegne ihr immer wieder aufs Neue einen herzöffnenden Blick. Der See und der Himmel scheinen an diesem Tag silbergrau, es ist kalt und nass. Am Hang unter uns ragt ein Haus mit spitzem Dachgiebel in den Himmel, es ist das Familiehuus Steckborn. In mattem Orange hebt es sich augenfällig von den anderen Häusern ab.

 

01 familiihuus Aussenansicht

 

Wir gehen zum Haus und treten ein. Der Korridor führt am Zimmer der Kleinkinder vorbei. Wer auf diesem Weg das Haus betritt, kommt unmittelbar ins Spiel mit den Jüngsten. 

Ein Bube streckt uns seine Skirennmedaille hin, eine Woche vorher waren alle des Familiehuus` in Valbella in den Skiferien. Ein alljährlicher Kraftakt, der sich lohne, meint Meier und atmet tief.

Wir stehen vor einer grossräumigen offenen Küche, die sich zusammen mit dem Essraum über die ganze Hausbreite erstreckt. In Blickweite die  Flipchart mit dem Wochenplan. Es kommt die Leitung Hausdienst Frau Fischer für die Küche hinzu, man tauscht sich aus. Der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist also hier. 

 

04 Mitarbeiterin Plan

 

Kaum ist Meier da, winkt eine Mitarbeiterin mit einem Stapel Papier zu und meint: «Für  dich». Meier prüfte diesen und kommentiert: «Die Finanzen!». Die Buchhaltung sei nicht das Wichtigste, und doch, ohne gehe es nicht. Sie hätten gute Sozialdienste, sie müssen nicht streiten. Es brauche einfach immer wieder einen Effort, damit zu Jahresbeginn alles korrekt ablaufe. So wie jetzt - Meier entschuldigt sich und verschwindet im Büro.

Die Hausführung übernimmt die Mitarbeiterin, Stefi Hefti, Sozialpädagogin HF. Wir gehen erst die Treppe hoch und machen die Runde von Kinderzimmer zu Kinderzimmer.

 

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Lese- und Bastelecke sind im Sousparterre vorzufinden, wo die Jugendlichen wohnen. Zwei davon sind krank, da bleibt die Türe zu, der Respekt wird gewahrt. Überhaupt hängen da und dort Posters, die wohlwollend an die Regeln für ein wertschätzendes Zusammenleben erinnern.

 

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Zurück im Erdgeschoss ist Meier wieder da. Und mit ihr der Hauskater Charly, der manchmal an Sitzungen beiwohnt und die Ohren gut spitzt.

 

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Im Wohnzimmer eröffnet sich vor uns eine grosse Fensterfront mit einem Ausblick, der zum Reflektieren einlädt. Wir setzen uns.

Sich gegenseitig offen und respektvoll zu begegnen, zähle hier sehr viel, holt Meier aus. Ebenso wichtig wie ein Rückzugort für die KJ. Nur klappte das zu Beginn gar nicht. Die Vorstellung, Zeit im eigenen Zimmer zu verbringen, wurde von den KJ als Strafe empfunden.

Deshalb erachteten wir es als wichtig, das Haus möglichst wohltuend für unsere KJ zu gestalten. Für das Untergeschoss zogen wir eine Farbberatung bei. Es wurden Corbusier-Farben mit stärkerer Tiefenwirkung verwendet, alle Farben hätten auch Rosa-Anteile, ein Grundton, der Wärme verleiht. Daraus entstand das Projekt, den eigenen Raum einzurichten. Der Erfolg war spürbar. Früher war es für sie fast unmöglich, ins Zimmer zu gehen - heute verweilen sie dort.

Meier beschreibt ihr Zusammenleben als «familiennah» – nicht im Streben, besser zu sein als andere Familien, aber die Familie zu leben, die sie im Familiehuus sind. So gehen die Kinder und Jugendlichen in die Regelschule, nehmen am örtlichen Vereinsleben teil und pflegen Freundschaften. Auch werden sie gefördert, wenn sie möchten, ein Musikinstrument zu erlernen.

Meiers Blick schweift ins Weite. Aber die Tatsache, dass die Kinder hier sind, bleibt ein Thema und eine Aufgabe für uns alle, für die KJ, für uns als Leitung und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Meier grenzt gleich klar ab: «Was vor der Platzierung der KJ war, da wollen wir uns klar herausnehmen.» Weiter betont sie, wie wichtig eine transparente Kommunikation gegenüber dem Kind ist. «Die ist ganz klar die Aufgabe des Beistands oder die der Eltern.»

Für ein Kind ist es wichtig, dass es weiss, warum es nicht zu Hause sein darf. Die Massnahme wird schneller akzeptiert, sie wird verankert. Sie spüren, man will das Beste für Sie. Und sie erfahren, Mami will das auch. Das sind dann die magischen Momente. Individuell abgestimmt hat jedes Kind und Jugendliche therapeutische Begleitung, sei es Malen oder Reiten o.ä. Wir begleiten sie auch in der Biographie-Arbeit, das ist uns sehr wichtig.

 

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Die Erfahrung zeigt, bis sich ein Kind auf die neue Situation entspannt einlassen kann, braucht es Zeit, viel Zeit. Ein bis zwei Jahre ziehen sich aus Erfahrung dahin. Meier vergleicht es mit einer Vase, die unten Wasser lässt. Man kann sie mit Zuwendung immer wieder auffüllen, aber noch immer sickert Wasser durch. Sie hält inne: In der Tendenz werde noch immer zu lange zugewartet, bis Kinder aus misslichen Situationen herausgeholt werden. Da könne sie auch im Namen von Kolleginnen und Kollegen sprechen. «Wir bekamen Kinder, die schwerst traumatisiert waren. Der richtige Moment für einen Obhutsentzug gebe es jedoch nie. Auch für ausgewiesen Fachleute eine sehr komplex und anspruchsvoll Aufgabe.», stellt sie fest.

Auf die Frage hin, wo es noch Verbesserungsbedarf im Platzierungsprozess gäbe, antwortet sie klar: «Für die Eltern fehlt eine niederschwellige und allparteiliche Anlaufstelle. Ich bin überzeugt, dass in manchen Fällen Eltern zur Einsicht gebracht werden könnten. Das sage ich als Mediatorin. Beistände ersetzen eine solche Anlaufstelle nicht, sie sind wie eine Partei. Sie müssen die Massnahmen umsetzen, die die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) anordnen. Diese Massnahmen sind immer unangenehm und die Auftraggeber werden als Feindbild wahrgenommen.» In diesem Spannungsfeld befinden sich auch Kinder- und Jugendheime, manchmal helfe es, Mut zu haben - auch unkonventionelle Wege zu gehen. Immer zu schauen, was ist das Beste für das Kind, für die Jugendlichen und für das Gesamte. Und natürlich brauche es auch die professionelle Auseinandersetzung: Ein Verein (Trägerschaft), eine Supervision (fachliche Begleitung) sowie auch Beratende aus dem Coaching bilden den fachlichen Rahmen des Familiehuus. Ebenso die Mitgliedschaft bei Integras. Die Tagungen in Brunnen und Bern gehörten seit jeher zu ihrer beruflichen Weiterbildung. «Mit der Zertifizierung als Heim war für mich eine Integras-Mitgliedschaft selbstverständlich», erzählt Meier. Die zusätzliche Teilnahme beim Fachverband SKI (Fachverband Sozialpädagogischer Kleininstitutionen Schweiz) sei ihr deshalb wichtig, weil man zusammen mit anderen Kleininstitutionen auf politischer und gesellschaftlichen Ebene seine Interessen vertreten und sich Know-how verschaffen kann.

Intern hätten sie drei Arbeitsgruppen, eine beschäftigte sich stark mit dem Thema «Elternarbeit». Ende Jahr können sie dann mehr darüber Auskunft geben. Sie stehe ein für ein offenes Haus und sehe sich als Netzwerkerin.

Es klopft an der Tür und es wird zu Tisch gebeten, es gibt Mittagessen. Welche Zutaten es denn brauche, um ein solches Haus auf die Beine zu stellen? Freude an Menschen, Durchhaltevermögen und Berufs- und Lebenserfahrung, das sei das Wichtigste. «Und ein langer Esstisch», ergänzt sie schmunzelnd. Der erste musste durch einen längeren ersetzt werden, damit alle Platz haben.

 

 leergegessene Teller

 

Wir gesellen uns zur Runde und geniessen die familiäre Atmosphäre, diejenige des Familiehuus Steckborn.

 

Familiehuus Steckborn (gegründet 2014)

Plätze: 8 (Kleinkind bis Teenageralter)
Aufenthalt: Von Kleinkind bis hin zur Selbständigkeit
Mitarbeitende: 10
Organisation, Trägerschaft:     Gemeinnützeriger Verein Neuhaus
Mitgliedschaften: Integras, SKI, agogis, Curaviva Schweiz, IGKJTG

 

Gerne informiert Sie Leonie Meier bei Fragen zum Familiehuus und zu Ergebnissen der Arbeitsgruppe «Wie Elternarbeit intensiviert werden kann»: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


© Integras, Text und Fotos: Barbara Hiltbrunner Bissig