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«Wir sind bewegt»

Kinder – egal ob behindert oder nicht – wenden sich auf ihre Weise der Welt zu. Sie darin mit innovativen Mitteln und Ideen zu stärken, darin sieht Rolf Markus Frey, Schulleiter der Heilpädagogischen Schule (HPS) Waidhöchi die Hauptaufgabe der Leitung und der Lehrpersonen. Wie das gelingen kann, zeigt uns ein Besuch an der HPS Waidhöchi in Horgen (ZH).

 

Sind Flurnamen Jahrzehnte später in ihrem Zusammenhang nicht mehr so einfach nachzuvollziehen, so ist hier die Bezeichnung «Waidhöchi» Programm: Nahe der Allmend bei der Bushaltestelle Gehren in Horgen (ZH) kommt man auf eine offenes Feld. Der Himmel erstreckt sich weit über die harmonisch abgestimmte Landschaft: Ein wahrlich herzöffnender Ort zum Innehalten und Geniessen. Von hier stammt auch der Name der Sonderschule des Bezirks Horgen. Die Bezeichnung «Waidhöchi» wurde an einem Namenswettbewerb für die Sonderschule eingereicht und gewann. Der Weg zum Schulhaus führt weiter seewärts zur Gehrenstrasse 19.

Die HPS Waidhöchi ist in mattem Rosa ein schlicht gehaltener Bau. Er passt sich gut in die Umgebung ein und wurde eigens für die HPS Waidhöchi gebaut. Dafür musste das vorhergehende, erst 20-jährige Haus weichen. Die Bevölkerung hat diesem Vorgehen im Jahr 2006 zugestimmt. Entstanden ist daraus ein Schulhaus, das eigens für die Bedürfnisse einer heilpädagogischen Einrichtung konzipiert wurde. Wie solche besonderen Ansprüche mit der Innenarchitektur Hand in Hand gehen, lässt sich später auf dem Hausrundgang erfahren: Die Gänge sind breit, das Treppenhaus ist übersichtlich und die Oblichter sorgen für eine natürlich angenehme Innenbeleuchtung. Direkt zum Entrée ist das Sekretariat angegliedert, aber auch die Büros und das Personalzimmer. «Herr Frey» ist auf einem handgeschriebenen Schild an einer Tür zu lesen. Sie steht offen, und Rolf Markus Frey, Schulleiter der HPS Waidhöchi, heisst willkommen.

 

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In seinem Büro verweisen Pläne und Agenden auf Pflichten und Projektideen, visualisierte Praxismodelle treffen hier auf Fachwissen. Reichlich bestückte Bücherregale zeugen davon.

Der Unterricht gehe vom Lebensalltag der Kinder und Jugendlichen aus. Inhaltlich strebe man im Unterricht eine Balance von kognitivem Wissen, sozialen Kompetenzen, Bewegung und Lebenspraxis an. «Unsere Hauptaufgabe ist es, die Kommunikations-kompetenz unserer Schülerinnen und Schüler mit innovativen Mitteln und Ideen zu fördern, soweit es nur geht.»

Dabei basiere die Unterrichtsplanung auf einem geschlossenen Regelkreis, «Beobachtung und Reflexion, Planung, Unterricht, Beobachtung und Reflexion», fasst er zusammen. Er kennt die Basis, war er doch jahrelang selbst als Heilpädagoge tätig, bevor er an der Waidhöchi zuerst ad interim und dann definitiv zum Schulleiter gewählt wurde. Wie das geht, wollen wir auf unserem Hausrundgang in Erfahrung bringen.

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Auf über zwei Stockwerken ist eine grosse Vielfalt an Portraits von Schülerinnen und Schüler ausgestellt. Eigenständig und selbstbewusst präsentiert sich hier ein jedes Waidhöchi-Kind.

Unterschieden wird zwischen einer Eingangs-, Unter-, Mittel- und Oberstufe. Die Klassen mit 5-8 Schülerinnen und Schülern werden von einer Klassenlehrperson geführt. In der Regel wird sie von einer pädagogischen Mitarbeiterin oder einem pädagogischen Mitarbeiter unterstützt. Zur Zeit fehle eine Heilpädagogin, ein Heilpädagoge erwähnt er, leider sei es sehr schwierig wirklich gute Leute zu finden, fügt er weiter an.

 

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Frey geht von Tür zu Tür. Es scheint, er kennt die 52 Kinder mehr oder weniger alle mit Namen, aber sicher ist, alle kennen ihn. Wir sind bei der Unterstufe zu Besuch. Sie versammeln sich in den Kreis und musizieren. Ein Mädchen hat seine eigene Gitarre mitgebracht und singt und spielt. Dazu darf ein Kind in die Mitte und sich auf eine musikalische Reise begeben.

Wir gesellen uns zu einer Englischlektion der Oberstufe. «When is your birthday?», fragen sie sich gegenseitig, repetieren dabei klatschend im Rhythmus die Wochentage, Monate und Zahlen – es wird gelobt, repetiert und viel gelacht. Es macht sichtlich Freude über seinen birthday sprechen zu können. Zwei Jungs aus dieser Runde sind heute im Klassenraum nebenan und machen sich mit Französisch vertraut. «Mich mit meinen Cousins aus Belgien verständigen können», formulierte er vorangehend seinen Wunsch. Ein Beispiel, wie der Alltag der Lernenden die Unterrichtsgestaltung mitbestimmt. Sie hören den Song «Je ne parle pas français». Sie versuchen die Worte mit Hilfe des Tablets zu verstehen und nachzusingen. Das ist alles andere als einfach, denn die Sängerin Namika singt schnell und wechselt von einer Sprache in die andere. Sie erzählt in ihrem Lied, wie sie die Sprache ihres Gegenübers nicht versteht und ihm dann schliesslich zwei Tassen auf seine Hand malt ...

[...]
Auf einmal sprichst du mich an:
«Salut, qu'est-ce que vous cherchez?»
Ich sag: «Pardon, es tut mir leid.»
«Ich kann dich leider nicht verstehen.»
Doch du redest immer weiter.
Ich find's irgendwie charmant.
Und male zwei Tassen Kaffee.
Mit 'nem Stift auf deine Hand.

«Im Bereich der Sonderpädagogik gehe es darum, in jedem Fach die Materie erfahrbar zu machen, sei es über Haptik, über die Bewegung, übers Hören oder übers Sprechen. Dabei stehen Verständigungs- und Strukturierungsmittel im Zentrum», erklärt Frey. Ein Beispiel dafür ist der Wochen-Menüplan. Den kann man nicht nur lesen, die entsprechenden Bilder anschauen sondern auch hören. Spezielle Hilfsmittel ermöglichen, dass der Menüplan vom Personal besprochen werden kann.

 

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Wir sind in der Garderobe, wo die Eingangsstufe sich für die Mittagspause vorbereitet. Ein Mädchen scheint unzufrieden, es zeigt mit Gebärden seinen Unmut. Eine Lehrperson geht zu ihr und erklärt nochmals den Ablauf. «Wir warten und singen zusammen, dann gehen die einen in den Hort, andere nach Hause zum Essen», zählt sie auf. Eine Tafel mit den entsprechenden Piktogrammen unterstreicht die Aussagen. «Wichtig ist, die Übergänge strukturieren zu können. Letztlich auch um den Schülerinnen und Schülern Sicherheit und Orientierung zu vermitteln», erklärt Frey.

Wir gehen zurück ins Büro. Die HPS Waidhöchi hat drei Standbeine, die Schule, den Hort und die Beratung.

Bei der Frage, wie sich denn die Beratung positioniere, muss Frey ausholen. Wird ein Kind innerhalb des Zweckverbands integrativ beschult, so hat diejenige Regelschule die Möglichkeit, bei der HPS Waidhöchi eine Beratung einzukaufen. Frey geht dann auf Schulbesuch oder man entscheidet sich für eine andere Form wie z.B. eine Weiterbildung.

Über den Zweckverband hinaus hat Frey noch eine andere Vision. Er will in vier Jahren mit der Waidhöchi die Anlaufstelle im Kanton Zürich für sexuelle Bildung im Sonderschulbereich sein. Schülerinnen und Schüler mit einer Beeinträchtigung haben dieselben Bedürfnisse wie andere Teenager auch. Frey ist überzeugt, dass es sehr wichtig ist, dass auch sie lernen ihre sexuelle Identität zu benennen und erleben zu dürfen. Die HPS Waidhöchi sei hierzu schon sehr weit und arbeite mit zwei erfahrenen Pädagoginnen in diesem Bereich zusammen. An der Schule haben sie auch schon Workshops durchgeführt. Hier stehe er für allfällige Fragen anderer Integras-Mitglieder gern zur Verfügung.

Frey holt aus, dass er sehr glücklich über die Integras-Mitgliedschaft sei. Es brauche weiterhin eine Stimme für die Sozial- und Sonderpädagogik, die sich fachlich auf allen Ebenen einbringen könne. Sich weiterbewegen, das sei ihm in vielen Belangen ein sehr wichtiges Stichwort.

Damit kommt Frey umgehend auf das Motto von diesem Schuljahr zu sprechen, es heisst: «Bewegt unterwegs». Da sei mal die physische Bewegung, dann das Lernen in Bewegung sowie die Frage nach bewegenden Momenten, also «Was bewegt dich?», und nicht zuletzt möchte Frey auch noch den Aspekt des Zeitstrahls hineinbringen, die Bewegung zwischen Vergangenheit – Gegenwart und Zukunft. Unter diesen Gesichtspunkten bereitet sich die ganze Schule auf die Projektwoche mit einem grossen Fest im Sommer 2020 zum 50-jährigen Jubiläum der Trägerschaft vor.

 

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Viele Lehrpersonen integrieren das Thema in den Unterricht. Das kann auch etwas einfaches sein: Das Vorspielen von tierischen Bewegungsarten, Werkarbeiten wie zum Beispiel die schon fertiggestellten Holzautos mit Ballon. «Wenn im Juli 2020 hier auf der Waidhöchi die Kinder Theater spielen oder Autorennen vorführen ... dann ist die Schule in Bewegung», erzählt Frey sichtlich erfreut. Und ja, wenn die beiden Jungs den Song «Je ne parle pas français» gut kennen, werden sie am Fest die erste Strophe vortragen. Das sei die Zielvereinbarung – eben nicht nur handlungsorientiert, sondern durchaus auch mit einem Leistungsanspruch.

Die HPS Waidhöchi möchte mit einer ganzheitlichen Förderung dazu beitragen, dass sich die Schülerinnen und Schüler zu möglichst selbständigen, eigenständigen und lebensbejahenden Menschen entwickeln können. Wie sie sich dabei verständigen, kann viele Facetten haben. Zum Beispiel auch, wenn Schülerinnen und Schüler durch die grossen Fenster zum Abschied winken oder die Nase an der Scheibe platt drücken. Denn Kinder – egal ob behindert oder nicht – wenden sich auf ihre Weise der Welt zu.

[...]
Je ne parle pas français.
Aber bitte red weiter.
Alles, was du so erzählst.
Hört sich irgendwie nice an.

Aus dem Song «Je ne parle pas français» von Namika©

 

HPS Waidhöchi Horgen (ZH)

Plätze: 55 Plätze, Belegung zur Zeit 52 Kinder
Belegung: von 4 - 15 Jahre
Mitarbeitende: 40
Organisation, Trägerschaft:    

Die HPS Waidhöchi ist die öffentliche heilpädagogische Schule der Stadt Adliswil sowie der Gemeinden Horgen, Kilchberg, Langnau a. A., Oberrieden, Rüschlikon und Thalwil. Ihre Trägerschaft ist der Zweckverband Sonderschulung im Bezirk Horgen.

Die HPS Waidhöchi Horgen (ZH) nimmt Kinder und Jugendliche auf, die im kognitiven und handlungsregulierenden Bereich beeinträchtigt sind und die in der Regelschule nicht ausreichend gefördert werden können. Die HPS Waidhöchi deckt die obligatorische Schulzeit mit allen Stufen ab, die Zuteilung der Schülerinnen und Schüler erfolgt nach Alter. Im Rahmen der Berufswahl und Lebensvorbereitung 15+ haben die Schülerinnen und Schüler dann einen garantierten Platz in der Stiftung Bühl.

Mitgliedschaften: Integras, vhps-zh, DASSOZ, BHS

 

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© Integras, Text und Fotos: Barbara Hiltbrunner Bissig