Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik
Association professionnelle pour l’éducation sociale et la pédagogie spécialisée

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Integras Homestories: Kinderheim Titlisblick Luzern

In dieser neuen Reihe stellen wir Ihnen jeweils ein Mitglied von Integras vor. Sei dies ein Heim, Sonderschule, ambulanter Beratungsdienst oder Amt: wir möchten die Vielfalt der sozial- und sonderpädagogischen Arbeit aufzeigen sowie neue Entwicklungen und Herausforderungen ansprechen.

Interview mit Judith Haas, Heimleiterin Kinderheim Titlisblick

Im Februar 2018 haben wir uns mit Judith Haas, Leiterin des Kinderheim Titlisblick in Luzern, getroffen. Das Kinderheim Titlisblick befindet sich im Wohnquartier Wesemlin in der Stadt Luzern. Es ist von einem grossen Garten mit Spielplatz umgeben. Hier leben 27 bis 30 Kinder im Alter von vier Tagen bis acht Jahren in drei Wohngruppen und einer Notaufnahme. Das Titlisblick ist das einzige Säuglings- und Kleinkinderheim in der Zentralschweiz für normalbegabte Kinder.

Integras: Aus welchen Gründen kommen Kinder ins Titlisblick?

Judith Haas: Unsere Kinder kommen aus ganz leidvollen Familienverhältnissen. Meistens weil ihre Väter oder ihre Mütter schwere Krankheiten haben. Im speziellen schwere psychische Krankheiten oder Suchtkrankheiten. Auch gibt es das Thema Gewalt auf allen Ebenen, physischer und psychischer Missbrauch des Kindes und auch Gewalt zwischen den Eltern. Bei uns leben auch Kinder, deren Eltern im Gefängnis sind und Kinder von Eltern mit einer Lernbehinderung, die mit der Erziehung überfordert sind. Durch die mangelnde Unterstützung und Begleitung der Eltern in diesem frühkindlichen Stadium haben die Kinder zum Teil Traumata, Ängste, Bindungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und Verwahrlosungserscheinungen. Da die Kinder mit wenigen Monaten oder in den ersten Lebensjahren zu uns kommen, ist es oftmals mit einer liebevollen und kompetenten Betreuung möglich, dass sie innert weniger Monate grosse Entwicklungsschritte machen. Doch es gibt auch Kinder, die schon so grosse Schädigungen haben, dass sie auch nach drei bis vier Jahren mit gezielter Unterstützung immer noch deutliche Auffälligkeiten haben.

Wie arbeiten Sie im Kinderheim Titlisblick? Folgen Sie einer bestimmten Pädagogik?

Wir arbeiten mit einer lösungsorientierten Grundhaltung. Ganz wichtig ist auch, dass wir einen klar strukturierten Tagesablauf mit Ritualen haben. Die pädagogischen Ansätze von Emmi Pikler und Montessori fliessen in unsere Arbeit ein. Seit fünf Jahren beschäftigen wir uns zudem ganz intensiv mit der von Maria Aarts entwickelten Videointeraktions- und Kommunikationsmethode Marte Meo, eine hilfreiche, sehr praxisnahe Methode, in der alle unsere Mitarbeitenden geschult werden und bei der wir zudem jährlich drei bis viermal durch eine externe Marte Meo Supervisorin unterstützt werden.

Maria Aarts hat 25 Hauptelemente definiert, die beim Kind entwicklungsfördernd wirken. Das ist zum Beispiel der freundliche Blick, das Warten, das Kind in seiner Handlung, die eigene Handlung benennen usw. Wir filmen eine Alltagssituation eines Kindes mit der oder dem Mitarbeitenden oder des Kindes mit dem Vater oder der Mutter. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden und der Mutter oder dem Vater schauen hausinterne, ausgebildete Fachberatende danach einzelne Sequenzen an, suchen nach gelungenen Interventionen und vereinbaren, von welchen mehr gemacht werden sollen. Kinder, Eltern und Mitarbeitende entwickeln dadurch ihre Selbstkompetenz, Selbstvertrauen und Selbstwahrnehmung.

Wie organisieren Sie die Zusammenarbeit mit den Eltern im Kinderheim Titlisblick?

Wir arbeiten mit einem Elternbegleitungskonzept, das wir immer wieder den Bedürfnissen anpassen. Eine Sozialarbeiterin und eine Sozialpädagogin sind verantwortlich für alle Fallführungen im Titlisblick vom Eintritt bis zum Austritt des Kindes. Sie organisieren die Systemgespräche, bereiten diese mit der Bezugsperson des Kindes auf der Gruppe und teilweise der mandatstragenden Person vor, leiten das Gespräch und werten es danach mit der Bezugsperson aus. In diesen Gesprächen werden die Ziele der Eltern erarbeitet, Besuchsregelungen der Eltern bei den Kindern vereinbart und über den Entwicklungstand des Kindes informiert. Auf der Wohngruppe finden die Systemgespräche alle 3 Monate, auf der Notaufnahme alle 6 Wochen statt. Die Elternbegleitung und -anleitung auf der Gruppe durch die Bezugsperson des Kindes ist ein anderer wichtiger Teil des Elternbegleitungskonzeptes. Da hat die Bezugsperson des Kindes die Verantwortung. 

Die Elternbegleitung ist der zweite Schwerpunkt unserer Arbeit, gleichwertig wie die achtsame Begleitung und Förderung des Kindes. Seit Jahren kommen die Eltern regelmässig zu ihren Kindern ins Heim zu Besuch. Bei vielen Eltern braucht es eine Abklärungszeit um festzustellen, welche Ressourcen sie in der Betreuung ihres Kindes haben und ob diese ausreichen, um das Kind wieder selbständig oder mit einer Familienbegleitung zu Hause zu betreuen. Wenn Eltern zu uns kommen, werden sie eins zu eins von einer ausgebildeten Fachperson in den Beziehungs- und Erziehungsaufgaben begleitet. Wir leiten die Eltern gezielt an, beobachten und schätzen ihre Fähigkeiten ein. Wichtig ist uns zudem, dass sie in Beziehung zu ihrem Kind bleiben oder eine Beziehung aufbauen können. Hierfür sind unsere Fachpersonen da, denn viele Eltern brauchen Unterstützung in der Beziehungsaufnahme und -pflege.

Haben Sie besondere Projekte?

Da der Kinderschutz das oberste Ziel unseres Auftrages ist, leben bei uns viele Kinder, die nicht auf Besuch zu den Eltern nach Hause dürfen. Was wir seit einigen Monaten in Einzelfällen anbieten, sind begleitete Besuche mit dem Kind daheim bei den Eltern, was ein grosses Bedürfnis der Väter und Mütter ist. Wir haben festgestellt, dass Eltern zuhause noch einmal mehr Verantwortung übernehmen und sich dadurch weiter entwickeln, deswegen ist unser Ziel, dieses Angebot auszubauen. Dank einer grosszügigen Spende wird das möglich. Ein zweites, neues Angebot sind Familienbegleitungen nach dem Austritt des Kindes vom Titlisblick in die Herkunftsfamilie. In der Regel übernimmt diese Aufgabe die Bezugsperson, die die Familie auch im Heim begleitet hat. Wir sind zurzeit daran, eine interne Fortbildung für diese Bezugspersonen zu konzipieren.

Zudem fordern uns psychische Krankheiten von Eltern sehr heraus, vor allem wenn Eltern keine Krankheitseinsicht haben. Die Kinder sind dann wie in einem Vakuum – ihre Entwicklung bleibt stecken. Da wir kein Kinderbuch finden konnten, das uns in diesen Situationen bei der Arbeit mit den Kindern unterstützt, haben wir uns dazu entschieden ein eigenes Kinderbuch zu schreiben und zu gestalten: „Schoko und Zitronentage, Mama hat mich lieb auch wenn sie krank ist.“ Das Buch kann man jetzt im Buchhandel kaufen. Wir arbeiten mit Kindern von psychisch- und suchtkranken Eltern ganz gezielt mit diesem Buch und machen sehr gute Erfahrungen damit. Und wir erhalten auch viele gute Rückmeldungen.

Was sind schöne Momente für die Kinder im Heim?

Es gibt jeden Tag schöne Momente. Wenn ich den Kindern im Alltag begegne, sehe ich sie vielfach lachen oder spielen. Viele Kinder sind gerne hier. Klar sind sie manchmal auch wütend oder streiten, das ist auch normal so. Schöne Momente sind für mich, wenn ich sehe, wie ein Kind mit seiner Betreuungsperson plaudert, von ihr gehalten wird, wie mit liebevoller Stimme mit ihm gesprochen und gewitzelt wird. Es ist für die Kinder auch ganz wichtig, dass sie „Gspändli“ haben mit denen sie zusammen spielen und Erlebnisse teilen. Beim Abschied der Kinder ist meistens der Abschied von ihren „Gspändli“ schlimmer für sie, als der Abschied von uns Fachpersonen. Denn hier sind sie ja die ganze Zeit ganz nahe beieinander, feiern alle Feste und Rituale zusammen, Geburtstage, Weihnachten, Fasnacht etc.

Welche Wünsche haben Kinder?

Die Kinder haben zum Teil ganz kleine Wünsche. Ich habe zum Beispiel in meinem Büro einen Bären-, Löwen- und Tiger-Tierpark. Diese Plüschtiere dürfen die Kinder bei mir ausleihen und über Nacht behalten. Das ist für sie etwas Wichtiges, manchmal etwas Tröstendes und ist zugleich mein Kontakt im Alltag zu den Kindern. Es ist für mich wichtig, dass ich als Leiterin auch Begegnungen mit den Kindern habe, und sie mich auch kennen. Ein grösserer Wunsch ist zum Beispiel das Skifahren. Gerade heute Morgen konnte eine Gruppe Skifahren gehen. Die Freude bei den Kindern war unglaublich gross. Das ist wirklich etwas Besonderes, so etwas können wir nur dank Spenden durchführen.

Was wünschen Sie sich für die Kinder?

Ich wünsche den Kindern, dass sie eine gute Basis an Vertrauen in sich selbst und in die Welt entwickeln können. Denn wir haben ganz viele Kinder, die keine regelmässige und verbindliche Betreuung zu Hause erhalten haben. Dadurch sind sie in ihrem Bindungsverhalten verunsichert. Ich wünsche ihnen auch, dass sie neugierig und mutig sind, für sich einstehen, ja und nein sagen können, wenn sie es so meinen. Ich wünsche ihnen, dass sie Freunde finden und wissen, was sie gut können. Und, dass sie Menschen begegnen, die ihnen helfen ihre Geschichte zu verstehen.

Thematisieren Sie die Kinderrechte mit den Kindern?

Thematisieren tun wir die Kinderrechte mit den Kindern nicht, nein. Die meisten Kinder bei uns sind zwischen 6 Monate und 4 Jahre alt. Aber wir leben die Kinderrechte. Mal ganz grundsätzlich: der Kinderschutz ist das Hauptziel im Titlisblick. Aber auch das Recht auf Bildung, Förderung und Partizipation. Wir beziehen die Kinder in die Themen des Alltags ein, in denen sie fähig sind zu entscheiden, und sie dürfen Vorschläge machen.

In Einzelgesprächen redet die Bezugsperson viel mit dem Kind. Die grossen Fragen der Kinder hier sind: Warum bin ich hier? Wie lange bin ich hier? Was ist mit meinen Eltern? Und es ist sehr wichtig, dass wir kindes- und altersgerecht mit dem Kind darüber sprechen und es ganz ernst nehmen. Kinder können sich auf ganz vieles einlassen und können schon ganz viel verstehen. Das schlimmste ist, wenn man dem Kind irgendwelche Halbwahrheiten erzählt.

Bei älteren Kindern ist es natürlich klar, dass die Kinderrechte thematisiert werden müssen. An meiner letzten Stelle als pädagogische Leiterin in einem Kinder- und Jugendheim haben wir das gemacht.

Ein thematischer Schwerpunkt von Integras ist die „Bientraitance“, gemeint ist eine wohlwollende, fürsorgliche und respektvolle Betreuung und Förderung des Kindes, die entsprechend ein tragfähiges und anregendes Klima schafft. Was macht die „Bientraitance“ bei Ihnen aus?

Das ist eindeutig unsere Stärke im Titlisblick. Es ist mir und dem gesamten Leitungsteam ganz wichtig, dass bei uns die Atmosphäre und das Klima im Haus wohlwollend, freundlich und wertschätzend ist. Im Umgang mit dem einzelnen Kind, in den Gruppen, aber auch unter den Eltern und Mitarbeitenden. Ich nehme mir viel Zeit die richtigen Mitarbeitenden zu finden und einzustellen. Wir sind ein kleines Haus mit 30 Kindern und trotzdem arbeiten 85 Mitarbeitende hier.

Es ist uns wichtig, auch immer wieder gemeinsame neue Themen und Projekte zu haben. Die Buchvernissage im September 2017 zum Bilderbuch „Schoko- und Zitronentage, Mama hat mich lieb, auch wenn sie krank ist“ war zum Beispiel ein voller Erfolg, auf den wir gemeinsam stolz sein können.

Wohin gehen die Kinder, wenn sie das Titlisblick verlassen?

Ziel ist, dass sie wieder in die Ursprungsfamilie können. Das wünschen sich alle Eltern und wir uns auch. Doch die Realität ist oft eine andere. Auch durch den Grundsatz „ambulant vor stationär“ haben wir hier Kinder, die aus schwierigsten Verhältnissen kommen. Erfahrungsgemäss können ein Viertel der Kinder zurück in ihre Familie. Der ganz grosse Teil kommt in eine Pflegefamilie. Ein Teil geht in eine Mutter-Kind-Institution, ein anderer, kleinerer Teil der Kinder in ein Kinderheim für grössere Kinder, dies vor allem, wenn sich die Eltern vehement gegen eine Pflegefamilie aussprechen.

Welche Herausforderungen nehmen Sie aktuell in der Kinder und Jugendhilfe wahr?

Dadurch, dass die KESB dermassen angegriffen wird, schaut sie bezüglich ihrer Entscheide ganz genau hin. Aus unserer Sicht wartet man oft zu lange bis man sich für Kindesschutzmassnahmen entscheidet. Dieses Zuwarten geht auf die Kosten der Kleinkinder, die dies aushalten müssen. Das ist im städtischen Bereich etwas weniger ausgeprägt als auf dem Land. Die Kinder haben zum Teil dadurch bereits sehr grosse Schädigungen. Ich würde mir wünschen, dass die Behörden etwas mutiger wären und sich auch den Medien stellen würden, auch öfter darüber informieren, was sie für Fälle bearbeiten. Denn wenn man damit nicht beruflich zu tun hat, hat man keine Ahnung davon, was für schwere Fälle von Kindesschutzverletzungen wir hier in der Schweiz haben.

Was bedeutet die Mitgliedschaft bei Integras für Sie? Oder was erwarten Sie von Integras?

Ich erwarte Lobbyarbeit für unsere Klientel. Seien es Kleinkinder, behinderte Kinder, straffällige Jugendliche... das sind Gruppen, die keine starke Lobby haben. Da ist es ganz wichtig, dass auch in der politischen Interessenvertretung auf allen Ebenen gute Arbeit geleistet wird. Dann gute Informationen, die Website hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Da findet man sehr viel Wissen. Das finde ich sehr gut. Auch den Newsletter und die Fachtagungen zu aktuellen Themen schätze ich.

Besten Dank für das Interview!

» Kinderheim Titlisblick

» Kinderbuch „Schoko- und Zitronentage“

Dieses Interview wurde im Februar 2018 im Kinderheim Titlisblick in Luzern geführt. Interview: Laura Valero