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Fortbildungstagung Brunnen 2016 «Wer wagt, gewinnt?»
Rückblick und Appell

Die jährliche Integras-Fachtagung hat eine lange Tradition: einerseits für Heimleiter und Fachpersonen im Bereich der Fremdplatzierung und andererseits auch für Integras. Dieses Jahr war es die 87. und sie fand zum 27. Mal in Brunnen statt.Einmal war sie in Locarno (1942), 15 Mal in Rigi, 11 Mal in Fürigen und die restlichen 33 Male an jeweils unterschiedlichen Orten in der Deutschschweiz. Allen gemeinsam ist die fachlich hochstehende Qualität der Referate und der intensive persönliche Austausch aller Fachpersonen in Kaffee-, Mittagspausen und beim Abendessen, teils bis in die späten Stunden in der Bar.

Wir, Fach- und Leitungspersonen im Bereich der Fremdplatzierung, wollen unseren Kindern und Jugendlichen, die nicht bei ihren Eltern leben können, ein tragfähiges, vertrauensvolles und anregendes Klima bieten, in welchem sie Schutz und Sicherheit erleben und eine anregende und fördernde Umgebung für ihr Heranwachsen erfahren dürfen, das verstehen wir unter Bientraitance. Gleichzeitig sind Heime, Pflegefamilien und wir alle selbst Teil der Gesellschaft, die sich auf erschreckende Art und Weise bereits an die «Unsicherheitsgesellschaft» gewöhnt hat. 

Noch vor wenigen Jahren lebten wir mit gewissen Gefahren, Klienten erlebten wir als schwierig oder sehr schwierig und wir ärgerten uns über einige, aber wir hatten keine Angst vor ihnen und bezeichneten sie nicht als Risiko, das es zu «managen» gilt. Es macht einen Unterschied, ob wir von Gefahren oder von Risiken sprechen und wie wir diese Begriffe auf Menschen in der Gesellschaft beziehen.

Die Begrifflichkeiten der Ökonomie haben sich so nebenbei auch in der Sozialen Arbeit niedergelassen. Das aktuelle «Managen» von Risiken verlangt einen Blick auf die «Gefahren» und eine Konzentration auf deren Vermeidung, also Prävention. Wir ziehen Grenzen in der vermeintlichen Absicht, eine bessere Kontrolle über gewisse Risiken zu erlangen. Aber es ist eine endlose Suche nach vollständiger Risikokontrolle und eine Konzentration auf möglichst vollständige Risikovermeidung erstickt Entwicklung und schafft letztendlich mehr Risiken, als sie zu verhindern sucht. Soziale Arbeit mit den Begrifflichkeiten der Ökonomie zu beurteilen oder gar zu messen reduziert damit unweigerlich ihre Fachlichkeit – das kann für uns nicht akzeptabel sein.

Soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bezieht sich auf Integration und sie hat einen gebenden Charakter. Wir geben einen sicheren Ort, ein Zuhause, eine Möglichkeit, erfahrenes Leid aufzuarbeiten und damit umzugehen, damit das  Individuum wieder ein gesundes Selbst erlangen kann. Dazu braucht es Tragfähigkeit in den Einrichtungen für Kinder und Jugendliche und das bedeutet, dass einige Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen viele schwierige Situationen auszuhalten haben. Aber es braucht diese Tragfähigkeit auch für die Einrichtungen. Das bedeutet einen gesellschaftlichen Rückhalt für die tägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im ökonomischen und pädagogischen Sinn.

So wollen wir uns bewusst von der Risikogesellschaft abgrenzen und uns daran erinnern, welch wichtige Aufgabe und welchen Stellenwert die Soziale Arbeit und ihre Fachlichkeit für den Zusammenhalt in und ein Gelingen der Gesellschaft bedeutet. Soziale Arbeit ist systemrelevant. Das ist eigentlich unbezahlbar!

von Gabriele E. Rauser, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

» Die Broschüre mit den Referaten der Tagung Brunnen 2017 erscheint Anfang 2017. Für Tagungsteilnehmer ist die Tagungsbroschüre inbegriffen. Weitere Bestellungen unter: www.integras.ch/Publikationen