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Immer älter, immer schwieriger? Veränderungen durch spätere Platzierungen

Rückblick auf die Brunnentagung

Dieses Jahr diskutierten wir an unserer komplett ausgebuchten Integras-Tagung in Brunnen, von welchen Kindern und Jugendlichen wir heute reden, wenn wir von Kindern reden, die in einem Heim oder einer Pflegefamilie leben. Als Rahmenprogramm begleiteten uns die Ausstellungsmacher und die Ausstellung MUSKEPEER, eine von Care Leaver gestaltete Ausstellung, die Einblicke in das Leben in der Jugendhilfe gibt. Die Ausstellungsmacher waren als Expertinnen und Experten in eigener Sache zugegen. Im Rückblick gibt es ein paar Gedanken zu einigen Referaten.

Konnten Sie nicht dabei sein? Dann bestellen Sie die Publikation mit den Textbeiträgen Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!! (Vorbestellung, Lieferung im Februar). Die Tagungs-Teilnehmer/innen erhalten die Publikation kostenfrei zugestellt.

 

«In Sachen Kind ist das Kind Experte» Janusz Korczak
 

Stellen wir die richtigen Fragen?

Wolfgang Schröer eröffnete die Brunnentagung mit der Frage «Stellen wir die richtigen Fragen? » Denn die Kinder und Jugendlichen, von denen wir in der Kinder- und Jugendhilfe sprechen, sind die Hauptakteure, die unter einer gegebenen «Infrastruktur» des Heims die grösste Leistung zu erbringen haben. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich als Heimleiter/in, Fachverantwortliche/r, Erzieher/in selbst zu fragen, wie wir die jungen Menschen darin unterstützen können, das Aufwachsen und die Zeit – die sie im Heim oder in einer Pflegefamilie erleb(t)en – fassbar zu machen und in ihr persönliches Leben zu integrieren. Ziel ist es, dass zum einen die jungen Menschen ihre eigene Lebensgeschichte mit den Höhen und Tiefen vor, während und nach der Unterbringung für sich selbst erzählbar machen können. In anderen Worten: es gilt ein Narrativ vom eigenen Leben zu ermöglichen! Zum anderen sind wir Fachpersonen angehalten als Expertinnen und Experten der Kinder- und Jugendhilfe stets zu reflektieren, dass wir nicht nur Teil der Lösung der Lebenslage der jungen Menschen sind, sondern Teil des Problems selbst. Aus diesem Grund gilt es stets unser(e) Konzept(e) über Kindheit und Jugend zu hinterfragen und an die Anforderungen anzupassen.

Nicht anders sieht es seit der Inkraftsetzung des revidierten ZGB seit 2013 mit den Entscheidungen auf der Grundlage des Kindesschutzes aus, wie es Peter Dörflinger ausführte. Anpassungen der Entscheidungen sind im Kindesschutz nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Mehr verlässliche Daten zur Kinder- und Jugendhilfe!

Nils Jenkel präsentierte die quantitativen Auswertungen der EQUALS-Daten. Aus Ihnen lässt sich mit Sicherheit folgern, dass es keine Hinweise dafür gibt, dass Ressourcen in der stationären Kinder und Jugendhilfe einzusparen sind. Und ebenso lässt sich mit Sicherheit folgern, dass wir mehr verlässliche Daten zur Kinder- und Jugendhilfe brauchen!

Was Kinder verletzlich macht

Sabine Andresen referierte zum Thema «was Kinder verletzlich macht». Ein zentrales Moment ist dabei die Aufarbeitung von Gewalt und Unrecht in der Vergangenheit. Diese dürfen nicht tabuisiert werden. Die Vulnerabilität von Kindern kann nicht durch Präventionsmassnahmen alleine angegangen werden. Sondern genau umgekehrt, ist die Aufarbeitung von Gewalt und Unrecht in der Vergangenheit zentral für die Prävention. Gewalt in der Erziehung ist als Unrecht zu thematisieren. Die Gründe für die Verletzbarkeit von Kindern sind zu kennen. Und diese Verletzbarkeit muss Ausgangspunkt des Denkens im Kinder- und Jugendschutz sein. Ansetzen können wir durch den Aufbau von Angeboten, in denen genug «Raum» gegeben wird für das Kommen und Gehen der Kinder und Jugendlichen.

Verbandspolitisches Seminar

Das Verbandspolitische Seminar mit den Diskussionen zwischen Frau Yvonne Feri und Barbara Steinemann veranschaulichte, wie schwer es fällt in politischen Diskussionen fachlich zu bleiben. Die Diskussion drehte sich fast ausschliesslich um Kosten und Kostentransparenz von Jugendhilfemassnahmen: Zwei unbestritten wichtige Themen für die Politik. Aber dieser Fokus erschwert es, Massnahmen der Kinder und Jugendhilfe nicht nur als notwendige, sondern auch als wertvolle Hilfe zu sehen, die sich im Endeffekt durchaus auch «lohnt».

Am letzten Tag tauchten wir in die historische Forschung des 20. Jahrhunderts ein. Martin Lengwilers Darlegungen waren ernüchternd und zeigten auf welchem Selbstverständnis die Kinder- und Jugendhilfe beruht und wie das Anstaltsjahrhundert, die Reformpädagogik und die Heimkampagne das Selbstverständnis des Fachbereichs prägten.

Renato Kaiser sorgte mit seinem Poetry Slam kurz vor dem Endspurt für eine erfrischende Auflockerung, bevor wir mit dem Referat von Daniel Kübler über die Kinder- und Jugendhilfe im Kanton Zürich zum Abschluss fanden.

von Sevda Can Günes, Laura Valero