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Careleaver Schweiz

Care Leaver benötigen dringend Unterstützungsleistungen auf ihrem Weg zur Unabhängigkeit

careleaver schweiz team

Interview mit Rose Burri und Tamara Kaufmann, Careleaver Schweiz

Integras Geschäftsführerin Gabriele E. Rauser traf sich zum gemütlichen online Gespräch mit Rose Burri, Präsidentin und Tamara Kaufmann, Aktuarin des kürzlich gegründeten Vereins Careleaver Schweiz. Hervorgegangen ist Careleaver Schweiz aus dem Verein Cequality, der neu in eine Stiftung überführt wird.

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Es ist noch nicht ganz 1 Jahr her, dass der Verein Cequality gegründet wurde (September 2020). Wie kommt es dazu, dass Cequality jetzt zu Careleaver Schweiz wird?

Rose Burri: Der im September 2020 gegründete Verein entwickelte sich weiter und neue Erkenntnisse führten zur Bildung einer schweizweiten Interessengemeinschaft mit dem Namen: «Careleaver Schweiz». Durch die Beteiligung von Care Leaver an Forschungsprojekten wurde in den vergangenen Jahren erkannt, dass im Bereich «Leaving Care» grosse Lücken bestehen. Viele Bedürfnisse und Fragestellungen die die Care Leaver aktuell beschäftigen, benötigen weitere Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Veränderungen sind bereits zögerlich im Gange, doch auch bei den aktuell platzierten jungen Menschen sehen wir noch Entwicklungsbedarf. Diese Erkenntnisse führten dazu, dass sich in den letzten drei Jahren zwei Care-Leaver-Netzwerke in Zürich und Basel gebildet haben, welche regelmässige Treffen veranstalten, um sich über aktuelle Themen auszutauschen und Prozesse in Gang zu bringen. Diese Netzwerke schliessen sich nun zusammen, um gemeinsam an die Öffentlichkeit zu gelangen und beim Aufbau neuer lokaler Netzwerke (aktuell Zentralschweiz) zu unterstützen.

Zusätzlich erfolgt im Herbst eine schweizweite Imagekampagne, in der sich ehemalige Heim- und Pflegekinder zu Themen wie Stigmatisierung, Unterstützung und Chancen sowie Zugehörigkeit und Vertrauen äussern. Es sind auch politische Aktivitäten geplant. Aktuell wird ein Positionspapier ausgearbeitet, was auf nationaler Ebene und später auch regional vorangetrieben wird.

Uns ist wichtig, unsere Stimmen zu erheben, um über das zu sprechen, was in der Gesellschaft thematisiert werden muss. So soll beispielsweise die Unterstützung von Care Leaver nachhaltiger werden. Unser Ziel ist, dass jede und jeder Care Leaver in der Schweiz die Möglichkeit erhält, eine individuelle Lebensperspektive zu entwickeln und ein soziales Netz aufzubauen. Dies ohne zusätzliche Hürden überwinden zu müssen, sei es bei der Aus- oder Weiterbildung oder anderen Themen.

Was ist der Zweck des Vereins «Careleaver Schweiz»?

Rose Burri: Der Hauptzweck der Dachorganisation besteht darin, die Anliegen der Care Leaver gegenüber Politik und Gesellschaft zu vertreten, lokale Netzwerke in der ganzen Schweiz zu fördern und den einfachen Zugang zu Informationen für Care Leaver zu gewährleisten.

Inwiefern ist es wichtig, dass die Anliegen von «Careleaver Schweiz» von Care Leaver selbst vertreten werden?

Tamara Kaufmann: Das ist sehr wichtig. Care Leaver wissen am besten was sie brauchen oder gebraucht hätten in der Vergangenheit. Ausserdem haben Care Leaver einen eigenen Standpunkt, sie verstehen sich untereinander. Deshalb finde ich es auch wichtig, dass Care Leaver selbst diesen Standpunkt vertreten und nicht andere Organisationen, die nicht vom gleichen Punkt ausgehen. Das Fachwissen von unserer Seite aus ist ein anderes als von Personen, die beispielsweise Sozialarbeit studiert haben, selbst die Erfahrung aber nicht gemacht haben. Deshalb finde ich auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ganz wichtig, damit die Standpunkte zusammenkommen.

Welches sind die dringendsten politischen Forderungen von «Careleaver Schweiz»?

Rose Burri: Unser höchstes politisches Ziel ist ein bundesweiter «Careleaver-Status», bei dem wir im Vergleich zum Care-Leaver-Netzwerk Basel noch tiefgreifender Hilfe fordern. Der Status wird im Rahmen einer Petition gefordert. In unserem schweizweiten «Careleaver-Positionspapier» haben wir fünf Forderungen:

  1. Gute statistische Grundlagen schaffen!
  2. Lebenshaltungskosten nach Vollendung des 18. Lebensjahrs gewährleisten!
  3. Wohnverhältnisse nach Vollendung des 18. Lebensjahrs sichern!
  4. Gleiche Chancen in der Aus- und Weiterbildung ermöglichen!
  5. Kontakt zu Vertrauenspersonen und Partizipation zu Themen, die Care Leaver betreffen sichern!

Die ersten zwei Forderungen werden in der Herbstsession im Nationalrat eingereicht.

Auf welche Weise können sich «Careleaver Schweiz» und Integras ergänzen?

Rose Burri und Tamara Kaufmann: Wir können gemeinsam Themen zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe bewegen und bearbeiten wie zum Beispiel die ganze Beziehungsgestaltung in Institutionen. Dieses Thema sollte dringend aufgearbeitet werden. Wie wollen wir gemeinsam mit platzierten Kindern und Jugendlichen diese Beziehungen gestalten, damit sie gute Beziehungserfahrungen machen, starke Persönlichkeiten werden und Vertrauen haben können, dass auch einmal ein Streit möglich ist ohne, dass die Beziehung abbricht? Dieses Thema würden wir gerne mit Integras gemeinsam auf Augenhöhe angehen. Oder es könnten andere Themen sein, bei denen unsere Sichtweise benötigt wird, wie z. B. beim Thema Deinstitutionalisierung, das von Care Leaver international als sehr wichtig angeschaut wird. Können Heime wieder kleiner werden, kann mehr familiärer Charakter da sein? Dieses Thema wird in der Schweiz noch gar nicht diskutiert. Wir möchten gerne gemeinsam mit Fachleuten am Tisch sitzen und diese Themen gemeinsam auf Augenhöhe bewegen.

Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.
Gabriele E. Rauser, Integras-Geschäftsführerin

 

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Rose Burri, Präsidentin Verein Careleaver Schweiz

 

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