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Konzept 360°: Der Waadtländer Weg zur Inklusion in der Schule – ein vierstufiges Interventionskonzept

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Concept 360°, so heisst das kantonale Konzept des Kantons Waadt für eine verbesserte Inklusion in der Schule. Auslöser für seine Erarbeitung waren Schwierigkeiten, die im Zusammenhang mit der Integration von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bildungsbedürfnissen auftraten, daneben die Umsetzung des neuen Sonderpädagogikgesetzes (Loi sur la pédagogie spécialisée, LPS; 2015) sowie der Anspruch der kantonalen Direktion für Bildung, Jugend und Kultur (Département de la formation, de la jeunesse et de la culture, DFJC), allen Schülerinnen und Schülern Chancengleichheit zu bieten. Der Geist des Konzepts stützt sich auf die Erklärung von Salamanca (UNESCO; 1994), die das Recht aller Kinder auf Schulbildung postuliert, unabhängig von ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten. Das Konzept ist in amtsübergreifender Zusammenarbeit entstanden, ging dann in eine breite Vernehmlassung und trat schliesslich im Dezember 2019 in Kraft.

Chancengleichheit

Das Konzept fördert Fairness und Chancengleichheit für alle Waadtländer Schülerinnen und Schüler. Ziel ist es, allen die Möglichkeit zu geben, ihr Potenzial zu entfalten und bei Bedarf von passenden Begleitmassnahmen zu profitieren, um im Lernprozess Fortschritte machen zu können. Wohl stehen die Schülerinnen und Schüler im Zentrum des Dispositivs, es sieht aber auch Massnahmen zugunsten der Schulfachkräfte mittels indirekter Leistungen und verstärkter Kooperationen vor.

Interventionsstufen I–IV und verschiedene Fachgebiete

Das Concept 360° umfasst vier Interventionsstufen (Niveaux I–IV). Niveau I entspricht einem grundlegenden Sockel, der alle Schülerinnen und Schüler betrifft. Es soll mit dem Abbau von potenziellen Hürden und einer Differenzierung des Unterrichts das Lernen erleichtern. Auch wird ein dem guten Zusammenleben förderliches Schulklima und eine entsprechende Klassenführung postuliert. Niveau II ermöglicht gezieltere Aktionen zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern, die temporären Schwierigkeiten begegnen. Mit Niveau III werden spezifische Interventionen möglich, die bei dauerhaften Schwierigkeiten eingesetzt werden können, wenn diese die Schülerin oder den Schüler im Lernprozess stören. Wenn nötig können die Lernziele angepasst werden. Schliesslich können mit Niveau IV intensive Interventionen ins Auge gefasst werden, um den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern zu entsprechen, die eine behindernde Störung oder eine Beeinträchtigung aufweisen, welche sie in ihrem Umfeld dauerhaft einschränken oder ihre schulische oder berufliche Zukunft gefährden können.

Das Konzept wird auch durch verschiedene Fachgebiete strukturiert: Regel- und Sonderpädagogik, Sozialpädagogik, Fremdsprachigkeit und Migration sowie Gesundheit. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Thema Übergänge geschenkt, um einen bestmöglichen Verlauf – etwa beim Übertritt in einen anderen Zyklus oder eine neue Schule – zu garantieren.

Jeder Schule ihr Konzept

Jede Schule des Kantons ist aufgerufen, in einem partizipativen Prozess bis Juli 2023 ein auf sie abgestimmtes Concept 360° zu erarbeiten, das die lokalen Besonderheiten einbezieht. Verschiedene Stellen der Direktion für Bildung, Jugend und Kultur begleiten diesen Prozess, wie auch die kantonale Verwaltung oder die Pädagogische Fachhochschule Lausanne (Haute école pédagogique, HEP Vaud).

Das kantonale Konzept wie auch die einzelnen Schulkonzepte 360° sind evolutive Instrumente, die den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler optimal gerecht werden sollen. Alle Fachpersonen des Waadtländer Schulwesens engagieren sich auf dem Weg zu einer inklusiven Schule. Mit diesem Vorgehen sind zahlreiche Erkenntnisse und Entdeckungen wie auch Herausforderungen und offene Fragen verbunden. Auch die Zusammenarbeit zwischen allen Akteurinnen und Akteuren des Schulwesens und den Familien ist wichtig für den Prozess hin zur inklusiven Schule. Wir hoffen, dass damit alle Schülerinnen und Schüler ihren Platz in der Waadtländer Schule finden, dass sie sich darin wohl fühlen, Autonomie, Wissen, Kompetenzen und Bürgersinn erwerben, ihr Potenzial entfalten sowie die nötigen Mittel für ihren künftigen Lebensweg in die Hand bekommen können.

Sylvie Mouquin Stano

DFJC – Département de la formation, de la jeunesse et de la culture
DGEO – Direction générale de l'enseignement obligatoire et de la pédagogie spécialisée
DP – Direction pédagogique

 

Concept 360° (nur auf Französisch)

Projektübersicht (nur auf Französisch)

www.vd.ch/360