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Forschungs- und Entwicklungsprojekt ZHAW Soziale Arbeit

«Übergang in die Selbständigkeit:
Pflegekinder wirken mit»

Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Care Leaver – Erfahrungen im Rahmen eines partizipativen Forschungs- und Entwicklungsprojekts

Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt «Übergang in die Selbständigkeit: Pflegekinder wirken mit» der ZHAW Soziale Arbeit, richtete den Fokus auf den Übergang von Pflegekindern ins Erwachsenenalter. In diesem partizipativen Projekt, wurden Pflegkinder (auch ehemalige) in die Forschung und Umsetzung von Projekten einbezogen. Hierzu wurden neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Care Leaver und Projektmitarbeitenden der Hochschule entwickelt. Die Erfahrungen und Herausforderungen mit diesem partizipativen Vorgehen werden nachfolgend vorgestellt.

Informationen zum Projekt

In einem ersten Schritt wurden im Forschungsmodul qualitative Interviews mit Pflegekindern vor und nach dem Austritt aus der Pflegefamilie sowie mit Fachpersonen der Pflegekinderhilfe geführt. Die Ergebnisse zeigen, dass Pflegekinder im Übergang in die Selbständigkeit mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert sind und dass diese sogenannten Care Leaver Bedarf an Unterstützung haben. Auf dieser empirischen Grundlage wurden in einem zweiten Schritt verschiedene Projekte entwickelt, die alle über die Website www.careleaver.ch einsehbar sind:

  • Das Mentoringprojekt TAKE OFF: Ehemalige Pflegekinder begleiten Pflegekinder im Übergangsprozess in die Selbständigkeit
  • Eine Webseite, die als Informations- und Netzwerkplattform für Care Leaver aufgebaut wurde (www.careleaver.ch)
  • Ein Film zum Thema Leaving Care aus der Perspektive von ehemaligen Pflegekindern
  • Eine Fachtagung im Jahr 2019

Das Projekt wurde von der Stiftung Mercator Schweiz und dem Institut für Kindheit, Jugend und Familie der ZHAW Soziale Arbeit finanziert. Projektpartner waren das Jugendamt Kanton Bern und das Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. Das Projektteam setzte sich zusammen aus Renate Stohler und Karin Werner (Co-Leitung) sowie Jessica Brahmann (Mitarbeit).

 

zhaw stohler renate
Renate Stohler,
ZHAW Soziale Arbeit
zhaw werner karin
Karin Werner,
ZHAW Soziale Arbeit
zhaw brahmann jessica
Jessica Brahmann,
ZHAW Soziale Arbeit

 

Forschung und Umsetzung unter Beteiligung von Care Leaver

Das Forschungs- und Entwicklungsprojekt wurde mit Beteiligung von Care Leaver durchgeführt und orientierte sich theoretisch am Modell von Shaw, Brady & Davey (2011) und dem Ansatz der «Pockets of Participation» von Franks (2011). Die Care Leaver konnten sich in unterschiedlichen Formen beteiligen. Als Interviewpartner*innen hatten sie Gelegenheit ihre Erfahrungen einzubringen. Junge Erwachsene, die sich über das Interview hinaus engagieren wollten, konnten in der Begleitgruppe mitwirken und dort, wenn gewünscht, spezifische «Mitwirkungs-Packages» übernehmen.

Care Leaver als Interviewpartner*innen:

Im Rahmen der Interviews konnten (ehemalige) Pflegekinder ihre Erfahrungen mit der Vorbereitung und dem Übergang in die Selbständigkeit einbringen. Es bestand die Möglichkeit, Vorschläge für Optimierungen im Begleitprozess von Pflegekindern und Unterstützungsbedarf zu formulieren.

Mitarbeit in der Begleitgruppe:

Die Begleitgruppe arbeitete während der gesamten Projektdauer mit dem Projektteam der Hochschule zusammen. In der Forschungsphase wurde das Vorgehen schrittweise gemeinsam besprochen und reflektiert. Die Mitglieder der Begleitgruppe warfen beispielsweise einen kritischen Blick auf den Interviewleitfaden oder hatten Ideen für den Feldzugang. In der Umsetzungsphase entwickelten sie das Konzept für das Mentoringprojekt TAKE OFF, drehten gemeinsam mit einem Filmteam einen Kurzfilm zu ihren Erfahrungen im Übergang in die Selbständigkeit und entwickelten die Idee und einzelne Inhalte für die Website www.careleaver.ch.

Übernahme von zusätzlichen «Mitwirkungs-Packages»:

Zusätzlich zur Teilnahme an den regelmässigen Begleitgruppensitzungen hatten die Care Leaver die Möglichkeit, sich im Rahmen von «Mitwirkungs-Packages» (Franks, 2011 spricht von «Pockets of participation») einzubringen. Sie übernahmen während der gesamten Projektdauer entsprechend ihren individuellen Interessen und Kompetenzen zusätzliche Aufgaben. Diese umfassten einen klar definierten Auftrag und wurden entschädigt. Beispielsweise verfassten Care Leaver ein Statement zu einem Fachartikel oder sie präsentierten Forschungsergebnisse an einer Fachveranstaltung.

Das Konzept der Mitwirkungs-Packages ermöglicht es, die unterschiedlichen Interessen, Kompetenzen und Lebenssituationen (z. B. Abschlussprüfungen, Arbeitssuche) von Care Leaver zu berücksichtigen. So übernahmen beispielsweise an der ersten Schweizer Care-Leaver-Tagung im August 2019 einige Personen wichtige Arbeiten im Hintergrund, während andere Vorträge hielten oder Workshops leiteten. Der Ansatz der Mitwirkungs-Packages ermöglichte es allen, sich ihren Interessen und Möglichkeiten entsprechend einbringen.

Nachstehend werden einige Erfahrungen des Projektteams und der beteiligten Care Leaver mit dieser Art des partizipativen Vorgehens ausgeführt.

Herausforderungen des partizipativen Ansatzes

Bei der Umsetzung des partizipativen Ansatzes erwiesen sich folgende Punkte als herausfordernd:

Transparenz und Reflexion der unterschiedlichen Rollen

Aus der Perspektive des Projektteams ist die Berücksichtigung der unterschiedlichen Rollen zwischen den professionellen Forschenden des Projektteams und den Care Leaver herausfordernd. Folgende Aspekte waren immer wieder zu reflektieren: Entlohnung (Bezahlt vs. Freiwilligenarbeit), Verantwortung (Rechenschaft gegenüber Geldgebern vs. keine direkte Verpflichtung), Nutzen (fachliche Positionierung vs. persönliches Engagement), Betroffenheit und Interesse (fachliches Interesse vs. persönliche Betroffenheit). In der Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen und Care Leaver ist hinsichtlich dieser Unterschiede ein Bewusstsein und eine Reflexion gefragt. Es ist wichtig die Differenzen nicht zu verschleiern, sondern immer wieder transparent zu machen.

Flexibilität und Ergebnisoffenheit

Das partizipative Vorgehen erforderte von allen Beteiligten sehr viel Flexibilität. So galt es zum Beispiel eine Gruppe zu leiten bzw. in einer Gruppe mitzuwirken, deren Zusammensetzung immer wieder variierte. Das Projektteam musste die ursprüngliche Vorstellung einer Begleitgruppe, die einmal konstituiert wird und anschliessend kontinuierlich zusammenarbeitet, revidieren. Auch in Bezug auf den Projektablaufplan war von Seiten des Projektteams Flexibilität gefragt. So wurden beispielsweise Umsetzungsprojekte aufgrund des hohen Engagements der Care Leaver zeitlich vorgezogen, um die Motivation der Beteiligten zu erhalten und ihre Energie zu nutzen.

Auch hinsichtlich der Umsetzungen war ein hohes Mass an Flexibilität gefragt, da zu Beginn des Projekts nicht klar war, was für Projekte entstehen würden. Die Projektideen entwickelten die Mitglieder der Begleitgruppe erst im Laufe des Projekts, was ein dynamischer Prozess war. Eine ergebnisoffene Haltung von Seiten der Projektleitung ist eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Umsetzung des partizipativen Ansatzes. Zudem war es für das Projektteam eine Herausforderung, neue und flexible Formen der Partizipation zu entwickeln damit unterschiedliche Möglichkeiten der Mitwirkung von Care Leaver ermöglicht werden konnten.

Der partizipative Ansatz bewährt sich

Die Erfahrungen der Zusammenarbeit von Projektteam und Care Leaver, welche in einer gemeinsamen Evaluation gesammelt wurden, zeigen insgesamt, dass ein partizipativer Ansatz hinsichtlich verschiedener Aspekte bereichernd ist.

Erfahrungswissen und Wissenstransfer in die Praxis

Der Nutzen eines partizipativen Forschungsvorgehens besteht darin, Aspekte integrieren zu können, die für die Betroffenen relevant sind. Beispielsweise wurde für den Feldzugang vom Projektteam ein Flyer mit einem Bild entworfen, welches von den Care Leaver sehr kritisch betrachtet worden ist. Daraus entstand ein gemeinsam entwickelter Pool für passendes Bildmaterial zum Projekt, welches die Care Leaver selbst erarbeiteten oder recherchierten.

Vor allem für Forschungsprojekte mit geplanten Umsetzungen in der Praxis birgt der partizipative Ansatz Vorteile. So konnte gewährleistet werden, dass keine Projekte entwickelt werden, die der Zielgruppe nicht entsprechen. Zudem finden Umsetzungsprojekte bei Care Leaver grösseren Anklang, wenn sie von Care Leaver selbst entwickelt worden sind.

Kontinuierliches Engagement und persönliche Weiterentwicklung von Care Leaver

Der Ansatz der «Mitwirkungs-Packages» hat sich bewährt. Die Energie und das Engagement der Begleitgruppenteilnehmenden blieben dort erhalten, wo Aufgaben den Interessen und Fähigkeiten angepasst waren. Die Care Leaver selbst heben gerade diese flexible Form der Mitwirkung besonders hervor:

«Ihr gabt uns Raum, Interessen zu entwickeln und uns den Visionen hinzugeben aber ohne Zwang/Druck dies dann auch selbst umsetzen zu müssen. Man durfte ganz von sich aus Entscheidungen treffen, Verantwortung abgeben oder annehmen, umsetzen, vernetzen, aussteigen oder als stiller Beobachter teilhaben.» (Lou, Begleitgruppenmitglied)

 «Unter Partizipation wird häufig verstanden: «ihr könnt und müsst mitmachen». Bei euch konnten wir auch mal Ideen deponieren ohne dass wir gleich aufgefordert wurden, diese selbst umzusetzen.» (Thomas, Begleitgruppenmitglied)

Auch in Bezug auf Empowerment und die persönliche Entwicklung von Care Leaver hat sich der partizipative Ansatz bewährt. In den Jahren der Mitarbeit in der Begleitgruppe konnten sich die Teilnehmenden, gemäss eigenen Aussagen, auf verschiedenen Ebenen weiterentwickeln: sozial und emotional, aber auch fachlich. Rose, ein Begleitgruppenmitglied und Präsidentin des Vereins «Careleaver Schweiz» beschreibt dies so:

«Die fehlende Partizipation in meiner Kindheit konnte ich in diesem Projekt in Form von Mitsprache nachholen und meine Sicht einbringen. Das hat meinen Blick auf die Soziale Arbeit in der Schweiz enorm verändert. In dem man mir zugehört hat, konnte ich die erlebte Ohnmacht, die lange wie ein Schatten über meinem Leben lag, hinter mir lassen und jetzt einen aktiven Part in der Gestaltung von Angeboten für Care Leaver mitprägen.»

Persönliche Verbundenheit und Netzwerkbildung:

Die Begleitgruppe gab den Care Leaver das Gefühl der Verbundenheit, auch über das Projekt hinaus. Es entstanden Freundschaften und Interessensgemeinschaften. Dies wurde vor allem durch die informelle Rahmung der Begleitgruppentreffen wie die Verpflegung, den verschiedenen Apéros nach den Treffen oder dem jährlichen Weihnachtsanlass geschaffen. Dadurch entstand allmählich ein Care-Leaver-Netzwerk.

Weiter besteht ein grosser Mehrwert darin, dass Care Leaver durch die verschiedenen Aktivitäten, an den sie sich beteiligten, in der Fachwelt zunehmend wahrgenommen wurden und sich auch ein Netzwerk zwischen Fachpersonen und Care Leaver entwickeln konnte.

Die Care Leaver haben es sehr geschätzt, dass ihnen vom Projektteam Vertrauen und Wertschätzung entgegengebracht wurde und ihre Anliegen gehört wurden. Sie fanden es besonders wertvoll, dass das Projekt dazu beigetragen hat, dass sie in der Fachwelt mit ihrer Perspektive ernst genommen werden. So führte die Mitwirkung an einem Artikel oder im Rahmen einer Präsentation vor Fachpersonen beispielsweise über das Projekt hinaus zu weiteren Anfragen an die Care Leaver für Mitarbeit bei Tagungen, Anlässen und Aktivitäten.

Nachhaltigkeit

Ein partizipativer Einbezug von Betroffenen, kann auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit von Forschungs- und Entwicklungsprojekten leisten. Die Weiterführung der Umsetzungsprojekte über das Projektende hinaus, war dem Projektteam ein besonderes Anliegen. Es stellte sich die Frage: Wie gelingt es im Hinblick auf den Projektabschluss die Care Leaver zu befähigen das Entstandene weiterzuführen? 

Um so erfreulicher ist es, dass sich aus der Begleitgruppe zwei Interessensgruppen gebildet haben, die unter anderem die Umsetzungsprojekte weiterführen: Einerseits der Verein «Careleaver Schweiz» der die Vernetzung der Care Leaver in der Schweiz fortsetzt und die Webseite als Informations- und Netzwerkplattform übernommen hat. Andererseits die Stiftung «Cequality», die das Mentoringprojekt TAKE OFF weiterführt.

Verein Careleaver Schweiz

Die neue schweizweite Dachorganisation von und für Care Leaver hat folgenden Zweck:

  • Die Vertretung der Anliegen von (ehemaligen) Heim- und Pflegekindern gegenüber Politik und Gesellschaft.
  • Die Unterstützung der bestehenden und neu entstehenden Netzwerke schweizweit.
  • Die Sicherstellung des einfachen Zugangs zu Informationen für Care Leaver.

Weitere Informationen oder Anfragen gerne via Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder per WhatsApp: 079 530 19 96

 

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